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Geologen werden noch in Tausenden von Jahren den Beginn dieses Erdzeitalters leicht bestimmen können ? anhand des Plastikmülls, der sich seit den 1950er Jahren praktisch überall hin ausgebreitet hat.

Plastik-Müll

Plastik wird zur globalen Bedrohung

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Der Mensch hat mit seinen Kunststoff-Abfällen gigantische Plastikstrudel auf den Weltmeeren erzeugt, die teils die Größe Mitteleuropas erreichen. Wir brauchen dringend eine UN-Konvention mit verbindlichen Zielen - wie beim Klima. Der Leitartikel.

Wir leben im Anthropozän, dem geologischen Zeitalter, in dem der Mensch zum bestimmenden Einflussnehmer auf der Erde wurde. Die Spezies Homo Sapiens verändert den blauen Planeten in einer Weise und in einem Tempo, die in früheren Zeiten undenkbar waren. Sichtbar wird das an einer ganzen Reihe von Phänomenen – darunter Klimawandel, Vernichtung der Urwälder, Bodenerosion und Ausbreitung der Wüsten.

Im Wortsinne plastisch wird das Anthropozän, wenn man es als Kunststoff-Ära begreift. Geologen werden noch in Tausenden von Jahren den Beginn dieses Erdzeitalters leicht bestimmen können – anhand des Plastikmülls, der sich seit den 1950er Jahren praktisch überall hin ausgebreitet hat. Schleichend ist ein Problem entstanden, für das neue Lösungen gebraucht werden. Das begreifen auch immer mehr Politiker. Nicht umsonst hat die EU-Kommission jüngst eine umfassende „Plastikstrategie“ aufgelegt, um ihm Herr zu werden.

Der Siegeszug des „Kunst-Stoffs“ begann Mitte des vorigen Jahrhunderts. Seither sind rund 8,3 Milliarden Tonnen des Materials produziert worden, das aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken ist. Kunststoffe sind wichtige Werkstoffe für die Wirtschaft überall in der Welt; ohne sie sind Autos, Computer oder Handys nicht denkbar, sie finden sich in Kleidung, Möbeln, Spielzeug, Medizinprodukten, aber weltweit mit steilen Wachstumskurven auch in Wegwerf- oder Verbrauchsprodukten wie Verpackungen, Plastiktüten und Kosmetik. Jährlich werden aktuell rund 400 Millionen Tonnen davon produziert, bis 2050, so die Prognosen, könnte die Menge auf das Vierfache steigen, wenn nicht umgesteuert wird.

Das erscheint dringend nötig. Denn die negativen Folgen des Plastik-Booms sind inzwischen nicht mehr zu übersehen. Der Mensch hat mit seinen Kunststoff-Abfällen gigantische Plastikstrudel auf den Weltmeeren erzeugt, die teils die Größe Mitteleuropas erreichen. Rund acht Millionen Tonnen Plastikmüll landen jährlich in den Ozeanen. Der Müll schädigt die Tierwelt, er kostet jedes Jahr rund einer Million Seevögeln sowie 100.000 Meeressäugern wie Walen, Delfinen und Robben das Leben. Doch auch an Land sind die ökologischen und ökonomischen Schäden gravierend. Vor allem in Entwicklungsländern, wo Plastik nicht geordnet entsorgt wird, werden Städte, Dörfer und Küsten zugemüllt, die Tourismusindustrie erleidet Millionenschäden.

Damit nicht genug. Das Plastikzeitalter hat praktisch die ganze Erde feinverteilt mit Kunststoffpartikeln in Mikro- und Nanogröße überzogen, wobei Forscher diese „terrestrische“ Belastung für langfristig sogar noch gefährlicher halten als die der Ozeane. Die Mini-Plastikteilchen, die auch gesundheitsgefährdende Zusatzstoffe wie Weichmacher und Stabilisatoren enthalten, landen am Ende wieder direkt bei uns. Sie sind in Speisefisch wie Kabeljau und Makrele gefunden worden, jüngst sogar in Flaschen-Mineralwasser.

Experten halten das spektakulärste Problem, die weitere Vermüllung der Meere, grundsätzlich für lösbar – durch den Aufbau funktionierender Sammel- und Recyclingsysteme für den Plastikabfall in Schwellen- und Entwicklungsländern, wie sie in vielen Industriestaaten Standard sind. Der Großteil des Kunststoffmülls gelangt ja aus asiatischen und afrikanischen Staaten wie China, Indonesien, den Philippinen, Ägypten und Nigeria von Land aus über die Flüsse in die Ozeane und könnte durch solche Maßnahmen ferngehalten werden. Leider ist das Problembewusstsein in diesen Ländern noch gering. Man kann es daran ablesen, dass sich von den Haupt-Vermüllern bisher nur Indonesien der 2017 von den UN gestarteten Kampagne „Clean Seas“ angeschlossen hat. Das zeigt: Es muss erst noch viel Aufbauarbeit geleistet werden, bevor beim Plastikproblem ein Bewusstseinsstand wie in der Klimafrage erreicht werden kann.

Trotzdem muss das Ziel sein, einen internationalen, völkerrechtlich verbindlichen Vertrag zu erreichen, der die Regierungen verpflichtet, die Umweltverschmutzung durch Plastik zu beseitigen. Und das nicht nur in den Meeren, sondern ganz grundsätzlich in allen Ökosystemen. Plastikvermeidung und -Mehrfachverwendung sowie Etablierung einer geschlossenen Plastik-Kreislaufwirtschaft sind die Stichworte.

Der Berliner Experte Nils Simon hat dazu einen Vorschlag vorgelegt, der sich am 2015 verabschiedeten Pariser Klimaabkommen orientiert – eine Konvention mit einem verbindlichen, übergreifenden Ziel, kombiniert mit nationalen Aktionsplänen. Diese Idee voranzubringen, wäre eine Aufgabe für die EU, die ja auch schon bei der Etablierung des internationalen Klimaschutz-Regimes diese Vorreiterrolle übernommen hatte. Die Autorität dafür hätte sie, gilt doch ihre „Plastikstrategie“, dank der zum Beispiel unionsweit bis 2030 sämtliche Plastikverpackungen wiederverwertbar sein sollen, als weltweit wegweisend. Der „Grüne Punkt“, erfunden in Deutschland vom damaligen Umweltminister Klaus Töpfer, war nur der erste Schritt. Nun braucht es den Schritt in eine Kunststoff-Ökonomie ohne Abfall.

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