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Pirinçci macht weiter

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Von: Harry Nutt

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Der umstrittene Autor versucht, sich zu verteidigen.

Die Rede des deutsch-türkischen Autors Akif Pirinçci, in der es zu der umstrittenen KZ-Äußerung kam, schlägt weiter hohe Wellen. In dem rechten Blatt „Junge Freiheit“ hat Pirinçci sich zu Wort gemeldet. Er sieht sich als Opfer und fühlt sich falsch verstanden. „Ich hab‘ einen Fehler gemacht. Ich habe eine Rede gehalten, und ich bin wohl der schlechteste Redner der Welt, und habe das mit einer Lesung verwechselt. Wenn ich das bei einer Lesung gesagt hätte, wo nur Fans sind, wäre das was anderes gewesen. So ist das aber wohl in die Hose gegangen.“

Die Random House-Verlage hatten umgehend die Bücher Pirinçcis aus dem Programm genommen. Dazu der Autor: Es sei „ein unfassbarer Druck aufgebaut worden, und zwar ausgerechnet von anderen Autoren, also von Kollegen. Das ist wirklich unglaublich. Unsere Instrumente als Autoren sind die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit, die Kunstfreiheit. Wenn Politiker oder normale Bürger Boykotte fordern, kann ich das verstehen, aber wenn so etwas ausgerechnet von Kollegen kommt, dann ist das für mich unfassbar. Schriftsteller verlangen, dass ein anderer Schriftsteller verboten wird.“

Pirinçci sieht sich als Krawallautor. „Ich verpacke das in sehr griffige Formulierungen.“ Sein KZ-Zitat sei aber aus dem Zusammenhang gerissen. Das stimme, schreibt Martin Niewendick im „Tagesspiegel“. „Auch das KZ-Zitat ist widerlich und zutiefst menschenverachtend, aber auf andere Art, als sie derzeit oft gelesen wird. Pirinçci hat sich nämlich nicht ‚KZ zurückgewünscht‘, um Flüchtlinge dorthin zu verfrachten. Er hat – und das macht die Sache kein bisschen besser – aus den so genannten Asylkritikern die neuen Juden gemacht und aus bundesrepublikanischen Politikern und Amtsträgern die neuen Nazis. Das Zitat im Kontext: ‚Offenkundig scheint man bei der Macht die Angst und den Respekt vor dem eigenen Volk so restlos abgelegt zu haben, dass man ihm schulterzuckend die Ausreise empfehlen kann, wenn es gefälligst nicht pariert. Es gäbe natürlich auch andere Alternativen. Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.‘ Statt ‚dem eigenen Volk‘ also ‚schulterzuckend die Ausreise‘ zu empfehlen, gäbe es für Politiker demnach noch ‚andere Alternativen‘: nämlich, ebendieses ‚eigene Volk‘ in die KZs zu verfrachten. Die Interpretation, es ginge Pirinçci dabei um die Flüchtlinge, kehrt den Sinn des Zitats um.“

Niewendick erläutert die perfide Rhetorik Pirinçcis. „‚Moslemmüllhalden‘ – also die Entmenschlichung einer ganzen Bevölkerungsgruppe – taucht in vielen Artikeln gar nicht auf. Dabei wäre dies ein viel geeigneterer Fixpunkt, um den Nazi-Jargon zu entlarven. Denn die rhetorische Entmenschlichung von Juden, Kommunisten und anderen war in Nazi-Deutschland die Vorbereitung für die ganz reale Massenvernichtung in den Konzentrationslagern.“

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