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Chinas Ministerpräsident Li Keqiang und seine Frau zu Besuch in der deutschen Hauptstadt.

Handelsstreit USA und China

Phantasien von einer chinesischen Dominanz

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Peking schlägt im Handelsstreit mit den USA leise Töne an, weil er nicht zu gewinnen ist. Noch lieber wäre China kein Zwist. Der Leitartikel.

Chinas großer Reformer Deng Xiaoping war schlau – und vorsichtig. „Wir stellen unser Licht unter den Scheffel und werden im Verborgenen stärker“, war einer seiner Leitsätze. Nachdem China eine Weile mutig geworden war und seine Stärken offensiv ausgespielt hat, plädieren intern wieder mehr Stimmen für Zurückhaltung. Der Handelskrieg mit den USA, Kritik an Aktivitäten in Osteuropa und eine Überstreckung der Seidenstraßen-Idee tragen dazu bei.

China ist mit Dengs Leitsatz seit den späten Siebzigerjahren gut gefahren, auch wenn er ihn erst um 1990 in Worte fasste – nach dem Fall der Sowjetunion und der Katastrophe von Tiananmen. Die westlichen Mächte und Japan förderten Chinas Aufstieg durch Investitionen und Hilfe für Entwicklung, Wissenschaft und Technik. China wirkte groß, aber harmlos: rückständig, instabil, wenig innovativ. Die Politiker glaubten an „Wandel durch Handel“. Es war so gesehen eine gute Tat, China zu helfen. Die chinesischen Strategen taten das Ihrige, um Gerüchte vom baldigen Zusammenbruch des Landes zu fördern. Hohe Schulden, interner Streit, eine unzufriedene Bevölkerung – zu diesen Themen sickerte immer gerade genug durch, um sie interessant zu halten. Das förderte den Anschein, dass es mit dem kommunistischen China ohnehin bald vorbei sei. 

China behauptet sich als Weltmacht

Vor fünf Jahren begann die Wahrheit ins Bewusstsein einzusickern. China macht keinerlei Anstalten, sich per Zusammenbruch selbst zu beseitigen. Wirtschaftlich steigt es in allen Branchen zum Konkurrenten auf, auch in Maschinenbau, Elektronik, IT und anderer Hochtechnik. 

China behauptet sich als Weltmacht. Es stellt Ansprüche. Mit dem Projekt der neuen Seidenstraße knüpft es ein Netz wirtschaftlicher und politischer Einflussnahme. Es reicht bis vor unsere Haustür: Premier Li Keqiang hat vor seinem aktuellen Besuch in Berlin in Osteuropa vorbeigeschaut, schließlich schmiedet er dort seit Jahren Bündnisse. Länder wie Ungarn scheinen inzwischen die Kontakte mit China denen mit der EU vorzuziehen. Die EU-Länder mussten das als Affront verstehen.

Für die Abkehr von der Leitlinie von der klugen Zurückhaltung steht vor allem ein Name: Xi Jinping. Er ist seit 2012 Parteichef. Doch schon sein Vorgänger Hu Jintao kostete sein Überlegenheitsgefühl aus, als ab 2008 erst die USA dann die Eurozone in die Krise rutschten. Hu bekam das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht, wenn er von den stabilen Wachstumszahlen im eigenen Land sprach und den westlichen Ländern Hilfe in Form stabiler Konjunktur und Marktöffnung versprach.

Doch während Hu sich grundsätzlich an die Doktrin von der Zurückhaltung hielt, schlug Xi jede Vorsicht in den Wind. Er gab zu, was alle schon wussten: China ist eine Großmacht. Xi schickte sich an, das Weltgeschehen mitzugestalten. Er positionierte sein Land als echten Rivalen der USA. Als Vorwärtstrage trieb er die Seidenstraßeninitiative voran. Es gab da bereits parteiintern Kritik, aber nicht viel. Wie lange sollte der erwachsene Tiger sich auch klein machen? 

Was jedoch für die einen nur die Anerkennung eines offenen Geheimnisses war, schockierte andere. In den USA herrschte bis vor kurzem immer noch die Vorstellung vor, China werde demnächst entweder zusammenbrechen oder das eigenen System übernehmen. Plötzlich war ein Konkurrent da: eine Großmacht, die mit ihrem Weltraumprogramm auf den Mond zielt, die Flugzeugträger und Tarnbomber baut, die ein Netz von Bündnissen knüpft, die gigantische Internetfirmen aufgebaut hat – und die inzwischen die viel gesündere Industriebasis hat. 
Dann kam Trump. Über China brach das herein, was Deng vermeiden wollte: ein internationaler Rückschlag und ein offener Konflikt mit den Amerikanern, der nicht zu gewinnen ist. Dass Trump sich auch mit dem Rest der Welt anlegte, war ein schwacher Trost. Ideal wäre es aus chinesischer Sicht, wenn sich die Länder der alten Weltordnung untereinander zerfleischen, die Volksrepublik aber in Ruhe lassen.

Keine Macho-Sprüche gegen die USA

Mit den Phantasien von chinesischen Dominanz auf der Weltbühne ist es erst einmal vorbei. Ja, Trump fördert unfreiwillig den chinesischen Aufstieg – durch den Abstieg Amerikas – doch den will China gar nicht, weil es mit ihm gut gelebt hat. Das Phänomen Trump macht China daher wieder vorsichtiger. Die Angst vor einem Rückschlag auf breiter Front ist immer noch da. Die Führung des Landes weiß genau, wie abhängig China weiterhin vom Wohlwollen des Auslands ist.

Aus diesem Grunde gibt es trotz der Angriffe Trumps keine Macho-Sprüche gegen die USA, sondern weiter Verhandlungsangebote. Die Strategen in Peking wollen die Weltordnung grundsätzlich erhalten, statt sie gefährlich ins Rutschen zu bringen. Aus dem gleichen Grund hat sich Li bei dem Osteuropa-China-Treffen in Sofia mit neuen Vorstößen zurückgehalten. Und deshalb wirbt Li bei den Regierungskonsultationen in Berlin auch intensiver denn je um Deutschland als Partner. 

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