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Kevin Kühnert macht sich mit seinem Vorstoß nicht nur Freunde in der SPD.

Juso-Vorsitzender Kevin Kühnert

Kühnert sagt die Wahrheit - und alle drehen durch

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Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert hat nur die Wahrheit ausgesprochen. Doch warum drehen sie alle durch? Weil sie spüren, dass er recht hat? Die Kolumne. 

Eigentlich ist das ja drollig, wie sie da müpfen, mosern und maulen. Wie verwöhnte Wohlstandsbuben, denen ein räudiger Nachbarslauser die Manufactum-Förmchen aus dem Sandkasten gemopst hat.

Ein einfacher Vergleich, doch in der Realität ist alles noch simpler. Da hat nur einer die Wahrheit ausgesprochen, und alle drehen durch – weil sie tief im Innern spüren, dass der recht hat. Denn was hat er denn da gesagt, der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert?

Kevin Kühnert wird beschimpft

Dass Eigentum und Gewinne immer ungerechter verteilt werden und dadurch wenige auf Kosten vieler immer vermögender werden. Aber so ist es doch. Dennoch – oder deswegen – schlug so ein kleines Interview in so kurzer Zeit so hohe Wellen. Als verirrter, drogenabhängiger Fantast mit einem rückwärts gewandten Retro-Weltbild wurde er beschimpft, den man doch tunlichst aus der Partei ausschließen möge, da er die SPD in die Nähe der SED rücke.

Ist es wieder so wie einst, als Briefträger ihren Beamtenstatus verloren, weil sie auf einer Demo gesichtet wurden, und „geh doch rüber“ eine gängige Beschimpfung derer war, die sich gegen die braunen Verkrustungen der BRD auflehnten? Nein. Es ist anders.

Kapitalismus ist der Gegner von Kevin Kühnert

Die Altnazis sind tot. Dafür gibt es neue. Oder zumindest Unzufriedene, die sich aus Frust der angeblichen Alternative für Deutschland zuwenden. Doch sie haben sich den falschen Feind ausgesucht. Ihr wahrer Gegner ist derselbe, den auch Kühnert in seiner Philippika ausmachte: Der ausufernde Kapitalismus, der sich immer weiter ausbreitet. Der war übrigens auch der Hauptschuldige am unseligen deutschen Damals.

Ohne Unterstützung des Großkapitals hätte Hitler nicht den Hauch einer Chance gehabt, seinen Wahnsinn zu realisieren. Mit dem Elend anderer war schon immer gutes Geld zu verdienen. Damals mit Giftgas, Panzerfäusten und Stukas, heute mit Wohnungsnot, Billiglohn und Glyphosat, um jeweils nur einige zu nennen.

Aber es ist anders als früher. Die Weltordnung ist aus den Fugen geraten und damit – weit fundamentaler als vor dem Zweiten Weltkrieg – auch der Kapitalismus. Der globale Riese droht in sich zusammenzufallen wie die Türme des World Trade Centers, nur ohne äußere Einwirkung.

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Seit das Wachstum nicht mehr wachsen kann, torpediert der Kapitalismus sich selbst und erzielte bereits beachtliche Wirkungstreffer. Bankencrashs, Atomausstieg, Automobilkrise und Nullzinsen sind Beispiele dafür. Auch wenn das deren trotzstrotzende Betriebsräte nicht wahrhaben wollen: das reihenweise Torkeln einst stolzer deutscher, weltweit operierender Wirtschaftsgiganten ist kein Zufall, sondern Auswirkung eines Circulus vitiosus, wie es – sorry, aber der Name muss fallen – Karl Marx schon vorhergesagt hat.

Kevin Kühnerts Ideen in die Nähe der DDR zu rücken, ist dumm

So ist es einfach nur dumm, Kühnerts Gedanken in die Nähe des Unrechtssystems der DDR zu rücken – die übrigens nicht durch einen Volksaufstand zur Strecke gebracht wurde, sondern ebenfalls durch die Tentakel des Kapitalismus. Franz Josef Strauß wusste seinerzeit, was er tat, als er einen Milliardenkredit einfädelte.

Und Kühnerts Überlegungen sind keine Spinnerei eines bekifften Träumers, sondern entspringen der Pflicht eines Sozialdemokraten, der seine Identität wieder ernst nimmt, und der sowas von vorwärts (und nicht vergessend) gewandt denkt, wie man es der gesamten Partei nur wünschen würde.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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