Gastbeitrag

Pflege braucht mehr Courage

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Pflegekräfte benötigen mehr Zeit und höhere Löhne, damit sie Menschen angessen behandeln können. Dafür muss sich noch viel ändern.

Mit drei Gesetzen zur Stärkung der Pflege wurde die Pflegeversicherung in dieser Legislaturperiode an wichtigen Stellen reformiert. Warum braucht es dennoch einen mutigen Blick nach vorn?

Der hektische Arbeitsalltag der Pflegekräfte trifft auf Menschen im Entschleunigungsmodus, auf Menschen, für die Ruhe und Sicherheit immer wichtiger werden. Zuhören, menschliche Nähe, sich dem oder der Einzelnen zuwenden zu können – dafür brauchen Pflegekräfte mehr Zeit.

Wo bereits eine schlichte Frage wie „Was möchten Sie heute gern essen?“ nicht schnell oder eindeutig beantwortet werden kann, wird das gemeinsame Abwägen von Pflegealternativen bei Inkontinenz oder medizinischen Akutphasen zu einem zeitaufwendigen Unterfangen. Doch genau da geht es um die Wahrung von Würde und Selbstbestimmung. Das braucht Zeit!

Auch die Pflegekräfte sind Leidtragende des Zeitmangels. Sie erfahren zunehmende Entfremdung von ihrer täglichen Arbeit. Es fällt ihnen schwer, ihren Arbeitsalltag mit ihrem Verständnis von einer würdevollen Pflege in Einklang zu bringen. Darum ist es so wichtig, die Personalschlüssel in der Pflege zu verbessern.

Pflegekräfte sind bei ihrer Arbeit hohen körperlichen und psychischen Belastungen ausgesetzt. Schicht-, Wochenend- und Nachtdienste erschweren die Arbeitsbedingungen. Trotzdem empfinden die meisten ihre Arbeit als sinnstiftend und identifizieren sich mit ihrem Beruf. In ihrem Arbeitsalltag aber lassen Ökonomisierung und zunehmende Arbeitsverdichtung wenig Raum für den Blick auf die Individualität des Pflegebedürftigen in seinen sozialen Bezügen.

Pflegefachkräfte mit ihrer umfassenden Methoden- und Fachkompetenz brauchen Gestaltungsspielräume jenseits standardisierter Abläufe. Sie brauchen Vertrauen in ihre verantwortungsvolle Arbeit. Deshalb muss die vielfach überbordende Bürokratie und Regulierung auf das unbedingt Notwendige reduziert und der Qualitätsentwicklung mehr Raum gegeben werden.

Seit Jahren zeichnet sich ein Fachkräftemangel in der Pflege ab. Man geht von rund 200 000 fehlenden Pflegekräften im Jahr 2030 aus. Trotz der hohen Nachfrage nach Pflegekräften steigen die Löhne hier unterdurchschnittlich. Und trotz gleichen Ausbildungsniveaus verdienen Fachkräfte in der Altenpflege rund ein Fünftel weniger als in der Krankenpflege. Zudem variiert die Bezahlung regional.

Um die Gehaltsunterschiede zu beseitigen, braucht es mehr Mut, neue Wege zu beschreiten: Der geplante einheitliche Berufsabschluss ist ein notwendiger Schritt. Ein weiterer wäre ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag. Dass ein solcher Vertrag an den heutigen oberen Pflege-Tarifgehältern aufsetzen muss, sollte angesichts der anspruchsvollen Tätigkeit und der Nachwuchssorgen selbstverständlich sein.

Nur so kann die auf dem Rücken von Pflegekräften ausgetragene Wettbewerbsverzerrung zwischen tarifgebundenen und nicht nach Tarif zahlenden Pflegeanbietern beendet werden. Auch dient eine bessere Bezahlung nicht nur der Gewinnung von Fachkräften, sondern verbessert die gesellschaftliche Wertschätzung des Pflegeberufs.

Sollten wir nicht gerade in der Pflege so mutig sein, eine 35-Stunden-Woche zu fordern? Das ließe ganz andere Schichtmodelle zu in einem Arbeitsfeld, das 365 Tage im Jahr rund um die Uhr beackert werden muss. Das würde mit Sicherheit auch viele Teilzeitkräfte ermuntern, auf Vollzeit umzusteigen.

Um die Pflege nach vorne zu bringen, müssen die in der Pflege Tätigen selbstbewusster auftreten und Verbündete für ihre Belange suchen. Und Politik muss für eine bessere Vertretung von Pflegeexperten in den Entscheidungsgremien auf allen Ebenen sorgen.

Ich höre schon: Wer soll das bezahlen? Doch auch bei der Finanzierung öffnen sich neue Perspektiven, wenn man sich traut, das Gewohnte zu verlassen. Die Umgestaltung der Pflegeversicherung zur Pflegebürgerversicherung schafft nicht nur einen Solidarausgleich zwischen gesetzlicher und privater Pflegeversicherung, sondern eröffnet neue Optionen. Zudem stärken gut bezahlte und in Vollzeit tätige Pflegekräfte unser Sozialversicherungssystem. Und wer wäre nicht bereit, sogar etwas mehr in die Pflegeversicherung zu bezahlen, um mehr Menschlichkeit in der Pflege zu erreichen.

In dieser Zeit der Schnelllebigkeit und Arbeitsverdichtung ist es notwendig, der Pflegebranche die Chance zur Reformation zu geben. Ein Stück weg von der Rationalisierung nach Effizienzkriterien. Dafür wieder mehr Raum für das, was Pflege eigentlich ausmacht: die individuelle Sorge für den Einzelnen. Pflege braucht mutige Entscheidungen. Nur so wird es gelingen, in Zukunft wieder mehr Menschen für diesen Beruf begeistern zu können.

Heike Baehrens ist SPD-Bundestagsabgeordnete.

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