Kolumne

Pfennigfuchser: Das Kupfergeld kann ruhig weg

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Das Kleinstgeld soll weg. 220 Millionen Euro gibt es davon in privaten Haushalten. Hoffentlich fällt uns dafür noch was ein, bevor die EZB alles einsammelt und einschmelzen lässt. Die Kolumne.

Na, was gibt man einem Bettler? Nichts unter einem Euro, wenn man nicht als Pfennigfuchser dastehen möchte. Ganz besonders nicht in den Augen eines sehr abgehärmten, sehr nett wirkenden Obdachlosen, der sich gerade in der Berliner S-Bahn formvollendet für die „wirklich nur kurze Störung“ entschuldigt und um eine Spende bittet.

Es ist spätabends, auf der Strecke vom „Alex“ Richtung Charlottenburg, die wenigen Fahrgäste sind in aufgekratzter Stimmung unterwegs. Ich krame in der Manteltasche, fördere aber zu meinem Bedauern nur 50 Cent zutage. „Ist schon okay“, bedankt sich der sehr abgehärmte, sehr nette Obdachlose, steckt es ein und schenkt mir ein gutes Gefühl.

Ein halber Euro ist immer noch besser als nichts. Aber die Ein- und Zwei-Cent-Münzen, die manche Zeitgenossen den in Berlin an allen Ecken hockenden Elendsgestalten hinwerfen, sind geringer als ein Almosen. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist den Taler nicht wert, hat man uns zwar als Kind eingebläut. Aber versuche mal einer, mit reinem Kupfergeld ein Brötchen zu bezahlen.

Das gelingt allenfalls unter Inkaufnahme tödlich genervter Blicke. Davon abgesehen habe ich nicht den Eindruck, groß zu sparen, wenn die Warenhauspsychologen, die eigentlichen Pfennigfuchser, ein Produkt mit 9,99 statt mit 10 Euro auszeichnen lassen. Da lege ich doch glatt den Zehnerschein hin und sage, stimmt so.

Kurzum, ich bin für die EU-Idee, das Kleinstgeld aus dem Verkehr zu ziehen. Vorzugsweise nach dem Modell vieler türkischer Gemüsehändler, die einstellige, manchmal gar zweistellige Cent-Beträge hinter dem Komma kundenfreundlich abrunden.

Unterm Strich besehen sind sie ein Ballast, diese Kupfermünzen, die bloß das Portemonnaie verstopfen und die man schwer wieder los wird. Wenn überhaupt, dann an der Supermarktkasse, vorausgesetzt man klaubt den ungeraden Zahlbetrag schnell genug passend hervor, was an sich schon angesichts der ungeduldigen Warteschlange im Rücken eine Herausforderung ist.

Früher war das noch anders, als brave Mädchen Pfennige sammelten, um damit irgendwann das Brautkleid zu bezahlen. Mir war schon zu viel, dass Patentanten regelmäßig zu Geburtstagen mit solch’ originellen Geschenken wie einem Silberlöffel anrückten als Beitrag „für deine Aussteuer später einmal“. Aber heute liegt das mir wider Willen aufgedrängte Silber angelaufen hinten im Kleiderschrank – zu nichts nutze, außer sentimentale Erinnerungen zu wecken, sobald der Gedanke, das Zeug zu verhökern, aufblitzt.

Ansonsten miste ich liebend gerne aus, mitunter zugegebenermaßen heimlich, da mein „Signicant Other“, mit dem ich das Leben teile, nicht weniger leidenschaftlich alles aufhebt, was vielleicht irgendwann wiederverwendet werden könnte. Immerhin, von den Tassen mit Sprung, in die von diversen Reisen heimgebrachte, verwitterte Münzen kaum noch zuzuordnender Fremdwährungen wanderten, haben wir uns samt Inhalt einvernehmlich getrennt.

In ähnlichen Behältern schlummern vermutlich allein in Deutschland milliardenweise Ein- und Zwei-Kupfercents, geschätzter Finanzwert laut Bundesfinanzministerium 220 Millionen Euro. Schlafendes Geld, das zusammengekarrt sich wohl zu einem hübschen Berg anhäufen würde. Nur wer birgt diesen verstreuten Schatz? Hoffentlich fällt uns da noch was Sozialeres ein, bevor die Europäische Bank alles einsackt und einschmelzen lässt.

Inge Günther ist Autorin.

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