Berlin - Jerusalem

Pendel-Existenzen

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Das Leben in Berlin und Jerusalem hat mehr gemeinsam, als man denkt. Es unterscheidet sich aber auch sehr. Die Kolumne.

Na, wo fühlst Du dich mehr zu Hause, in Berlin oder Jerusalem?“ Keine leichte Frage. Ich liebe das relaxte Dasein in Berlin. Genauso gerne kehre ich immer wieder mal nach Jerusalem zurück, in diesen multikulturell brisantesten Brennpunkt in Nahost, der über 20 Jahre meine zweite Adresse war. Klimafreundlich ist die Hin- und Herfliegerei alle paar Monate zwar nicht. Auch kommt man sich mitunter ganz schön zerrissen vor. Aber im Ganzen besehen ist meine Pendelexistenz ein ziemlich anregendes Leben im Doppelpack.

Für mich sind Jerusalem und Berlin komplementär. Sind Weltstädte schon wegen ihrer großen politischen Dramen, die von Teilung, Mauerbau und Wiedervereinigung handeln. Und doch könnten ihre faszinierenden Geschichten kaum gegensätzlicher sein.

Der nach wie vor ungelöste Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sorgt für stets latente, bisweilen auch offen ausbrechende Spannungen in der von beiden Seiten beanspruchten „heiligen Stadt“. Den Berlinern ist eher nichts heilig, außer Currywurst und eine gewisse Selbstverliebtheit in die eigene Coolness. Wobei die Welten zwischen Ku’damm und Alex weiter auseinander liegen, als die Zehn-Minuten-Distanz per S-Bahn vermuten lässt. Nicht nur in Jerusalem, auch in Berlin ist mit der Vorsilbe West- oder Ost- noch immer mehr gemeint als die geografische Himmelsrichtung.

Gerade all das scheint einen stetig wachsenden Besucherstrom aus Nahost an die Spree zu ziehen. Seit Wochen reisen israelische und palästinensische Freunde, deren Verwandte oder ehemalige Jerusalemer Nachbarn an, um Berliner Luft zu schnuppern.

Man kommt ganz schön rum als Fremdenführerin. Brandenburger Tor, Checkpoint Charly und von dort, es sind ja nur ein paar Minuten zu Fuß, zur Topographie des Terrors mit der aktuellen, wirklich lohnenswerten Open-air-Ausstellung zum Warschauer Aufstand 1944.

Davor waren wir auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee, dem Eingangsschild nach der größte in Europa, dabei befindet sich der eigentlich im polnischen Lodz – die Berliner, entschuldige ich, neigen zur Übertreibung.

Das wilde Kreuzberg steht auch noch auf dem Programm. Dem arabischen Hochzeitskorso mit blumengeschmückter Limousine vorneweg und hupendem Gefolge begegnen wir bereits in Charlottenburg. Wie in Jerusalem! Nur dass die weiblichen Hochzeitsgäste am eigenen Steuer sitzen, selbstbewusst mit der Zigarette zwischen den Fingern aus den Wagenfenstern winken und viel Lockenpracht und Dekolleté zeigen. Ist eben doch Berlin.

Abends, im Restaurant, wälzen wir Zukunftsfragen. Wie lange werden sich unsere Regierungschefs im Jerusalemer Premierbüro oder Berliner Kanzleramt noch halten? Wer wird eher gehen, Netanjahu oder Merkel? Mit dabei ein Palästinenser, der daran erinnert, dass auch Präsident Abbas in Ramallah es wohl nicht mehr ewig macht. Der Wunsch nach einem Neuanfang ist in dieser gemischten Runde groß, fast noch größer die Skepsis, ob es dann besser wird.

Die Aussichten sind recht bescheiden, dass sich Wesentliches verändert, wenn am 17. September im zweiten Anlauf binnen fünf Monaten die israelische Knesset neu gewählt wird. Vor allem Netanjahus Schicksal steht auf dem Spiel. Von Frieden ist keine Rede, mit oder ohne „Bibi“ (so sein Spitzname). Aber an einen Mauerfall über Nacht hat vor dem 9. November 1989 auch keiner geglaubt. Darauf stoßen wir an. „Le’Chaim“ – auf das Leben!

Inge Günther ist Autorin.

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