+
2016 lobte Papst Franziskus Sankt Georgen noch als einen "Ort der Wissenschaft und der menschlichen Bildung".

Sankt Georgen

Papst unter Wölfen

  • schließen

Die "Homo-Stasi" hat zugeschlagen. Das Vorgehen gegen den Rektor von Sankt Georgen zeigt, wie groß die Macht der Hardliner in Rom ist. Der Leitartikel.

Man hat gehofft, Papst Franziskus würde die katholische Kirche über den Berg ins 21. Jahrhundert bringen. Ausgerechnet einer „vom anderen Ende der Welt“. So sprach Franziskus von sich selbst, nachdem er aus Argentinien ins Machtzentrum einer Weltkirche gezogen war. Für die Hoffnung, die er schürte, reichte ein einzelner Satz: „Wer bin ich, zu urteilen.“ In welchem Fall? „Wenn ein Mensch homosexuell ist, den Herrn sucht und guten Willens ist.“

Was war es 2013 doch für ein Aufatmen, das bei diesen Worten durch weite Teile der katholischen Kirche ging. Steht dieser Kirche doch mit Artikel 2357 des Katechismus zumindest dem Papier nach ins Stammbuch geschrieben: Gelebte Homosexualität sei Sünde und „in keinem Fall zu billigen“. Nun will sich ein Papst nicht mehr zum Richter über homosexuell liebende Katholiken erheben. Sein Hofstaat dagegen nach wie vor. So zuletzt geschehen in der Causa Ansgar Wucherpfennig.

Dem geschassten Rektor der Frankfurter Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen wird im vatikanischen Elfenbeinturm gar nicht die „Sünde“ einer „in keinem Fall zu billigenden“ Liebelei angelastet. Am Main lehrend, kann der Jesuit auch nicht zu jener „Lobby gay“ am Tiber gehören, die Franziskus seinem Hofstaat selbst schon attestiert hat.

Katechismus statt Bibellektüre

Der Professor für Neues Testament sprach in einer Zeitung vor zwei Jahren lediglich über die wenigen Stellen zum Thema Homosexualität in jenen Schriften, für deren Erforschung und Lehre er in Sankt Georgen seit zehn Jahren eine Professur innehat. Er sagte: „Mein Eindruck ist, dass das tiefsitzende, zum Teil missverständlich formulierte Stellen in der Bibel sind.“ Die Autoren hätten eben keine „egalitäre, freie Beziehung“ vor Augen gehabt, wie sie Homosexuelle heute leben. Entsprechend hatte sich Wucherpfennig für eine stärkere kirchliche Anerkennung von gleichgeschlechtlich Liebenden ausgesprochen.

Dafür soll der Neutestamentler nun seinen Rektorenhut ziehen, so das Urteil seiner Richter in der vatikanischen Glaubenskongregation. Deren akademischer Anspruch beschränkt sich offenkundig darauf, vorgefertigte Antworten vorzubeten, frei nach dem Motto: Katechismus statt Bibellektüre. Ein Bärendienst für die Glaubwürdigkeit der Theologie als wissenschaftlicher Disziplin und als Vehikel einer kirchlichen Selbstvergewisserung.

Dabei lobte Papst Franziskus Sankt Georgen 2016, zum 90. Jubiläum der Hochschule, noch als einen „Ort der Wissenschaft und der menschlichen Bildung“, eingedenk seines eigenen Studienaufenthalts am Main in den 1980er Jahren. Für seine Hintermänner in der Glaubenskongregation scheint die Wissenschaft indessen beim Thema Homosexualität zu enden.

Das ist eine altbewährte Tradition der von Alt-Papst Ratzinger auf Linie gebrachten Glaubenskongregaten, die mit ihrem Verdikt über Wucherpfennig wunderbar bestätigen, was sich der ehemalige Priester Krzysztof Chamsara nach seinem furiosen Outing vor drei Jahren von der Seele gesprochen hatte: Ein Löwenanteil seiner an den Nagel gehängten Arbeit in eben jener Nachfolgebehörde der Inquisition sei es gewesen, Kirchenfunktionäre auf ihre Linientreue mit der kirchlichen Homo-Lehre hin zu überprüfen – und gegebenenfalls auszumustern. Chamsara sprach von einer paranoiden Homo-Stasi, der nun auch Wucherpfennig zum Opfer gefallen ist.

Und Franziskus, der nicht urteilen will? An ihm dürfte die Causa Wucherpfennig dem Rechtsweg gemäß vorbei gegangen sein. Die Glaubenskongregation zieht schlicht zu viele „Abtrünnige“ aus dem Verkehr, als dass der Papst jeden einzelnen Fall absegnen könnte. Das kommt den Ratzinger-Schülern freilich gelegen, die Franziskus für dessen liberale Impulse hinter vorgehaltener Hand am liebsten ebenfalls ausmustern würden. Damit ist die Causa Wucherpfennig eben auch das: Ein Paradebeispiel dafür, warum man diesen Papst schon „unter Wölfen“ sieht.

Kirchenbasis hofft auf Kardinal Marx

Die ehemalige Vatikan-Botschafterin Anette Schavan sagte einmal, 80 Prozent im Vatikan warteten einfach ab, was passiert. Zehn Prozent seien für den Papst – und zehn gegen ihn. Solange seine Gegner lauter und in entscheidenden Positionen sind, ist das eine fatale Gemengelage für eine Kirche, die im 21. Jahrhundert ankommen will. Das fällt auf den Papst selbst zurück, der für eine glaubwürdige Kursänderung auch die entsprechenden Personalentscheidungen treffen muss.

Die Causa Wucherpfennig stellt aber auch die Kirche in Deutschland vor die Frage, zu welchem der Lager sie sich bekennen möchte. Die Basis hat sich klar entschieden – und blickt nun machtlos auf die Deutsche Bischofskonferenz, in der Hoffnung, dass deren sonst so einflussreicher Vorsitzender Kardinal Reinhard Marx aktiv wird.

Kaum anzunehmen, dass außer ihm ein anderer aus Deutschland das Ruder herumreißen und Wucherpfennig im Amt halten könnte. Auf dem Spiel steht jedenfalls mehr als bloß eine Personalie: Der Fall Wucherpfennig kommt just nach dem Versprechen der Deutschen Bischofskonferenz, im Nachgang ihrer niederschmetternden Missbrauchsstudie die kirchliche Sexualmoral auf den Prüfstand zu stellen. Nichts anderes hat Wucherpfennig getan.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare