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Paartherapie in Paris

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Von: Matthias Koch

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Wie kann die Zuneigung zwischen Frankreich und Deutschland wieder größer werden? Vielleicht wissen die Frauen Rat – hier Außenministerin Annalena Baerbock und die Präsidentin der französischen Nationalversammlung, Yaël Braun-Pivet. (Archivbild)
Wie kann die Zuneigung zwischen Frankreich und Deutschland wieder größer werden? Vielleicht wissen die Frauen Rat – hier Außenministerin Annalena Baerbock und die Präsidentin der französischen Nationalversammlung, Yaël Braun-Pivet. (Archivbild) © Britta Pedersen/dpa

Der bloße Blick zurück auf 60 Jahre Élysée-Vertrag führt nicht weiter. Berlin und Paris brauchen, wie in die Jahre gekommene Eheleute, ein neues gemeinsames Projekt. Der Leitartikel.

Auf Olaf Scholz kommt am Sonntag in Paris eine Anforderung besonderer Art zu. Der Kanzler müsse, sagen viele, endlich mal mehr Emotionalität wagen. Die Lage der Dinge erfordere eine kühne, idealerweise über den Tag hinaus bewegende Rede. Aber kann Scholz so etwas liefern? Und will er das überhaupt?

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron jedenfalls bittet zum Festakt mit großem Tusch. Gefeiert werden soll ein deutsch-französisches Jubiläum, 60 Jahre Élysée-Vertrag. Am 22. Januar 1963 hatten Bundeskanzler Konrad Adenauer und Präsident Charles de Gaulle verabredet, Deutschland und Frankreich enger zusammenzuführen denn je, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in der Außen-, Sicherheits- und Kulturpolitik.

Im Moment seiner Unterzeichnung war der Élysée-Vertrag eine Sensation. Seither aber sind so viele inzwischen selbstverständlich wirkende Verbindungen gewachsen, dass die meisten Deutschen und Franzosen die Bedeutung des Vertrags längst aus den Augen verloren haben. Den visionären Staatsmännern von damals Respekt zu zollen bleibt natürlich richtig. Der bloße Blick zurück aber führt nicht weiter. Berlin und Paris brauchen, wie in die Jahre gekommene Eheleute, ein neues gemeinsames Projekt.

In jüngster Zeit ließ auf beiden Seiten die Achtsamkeit dem langjährigen Partner gegenüber bedenklich nach. Scholz überraschte Macron gleich dreifach: mit dem staatlich finanzierten 200-Milliarden-Doppelwumms für deutsche Gaskunden, mit einer Berliner Initiative zur europäischen Luftabwehr und mit einer Reise nach China, bei der Macron den Kanzler eigentlich hatte begleiten wollen.

Macron wiederum war nicht besser. In der Debatte um Panzer für die Ukraine muckte er mit Zusagen vor, als habe neben Warschau auch Paris Gefallen daran, Scholz als Getriebenen vorzuführen. Deutsch-französische Freundschaft geht anders.

Was nun? Wer muss jetzt etwas korrigieren? Der grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit deutet auf den deutschen Kanzler und dessen „Leidenschaftslosigkeit“. Auch Frankreich-Fan Armin Laschet (CDU) nörgelt, Macron bekomme immer wieder „zu kühle norddeutsche Antworten“.

Beides lässt sich hören, ist aber nur die halbe Wahrheit. Auch in Paris muss sich etwas ändern. Das Falscheste wäre der Versuch, die Differenzen zukleistern zu wollen mit historischem Bombast. Paris hat nichts davon, wenn die deutsche Politik sich einmal mehr vor bloßen Gesten verneigt, die sie insgeheim als hohl empfindet. Gefragt ist eine neue Redlichkeit.

Dazu gehört die Erkenntnis, dass ein wie auch immer geartetes Zusammenwirken von Paris und Berlin nie das atlantische Bündnis ersetzen kann. Die Weltlage erzwingt ein Denken in weit größeren Zusammenhängen. Wie wäre es mit der Idee, 60 Jahre nach dem visionären Vertrag zwischen Deutschen und Franzosen einen nicht minder visionären Vertrag zwischen EU und USA zu entwerfen?

Ein Fortschritt wäre es bereits, wenn Berlin und Paris helfen könnten, mit den USA eine gemeinsame Linie im Ukraine-Konflikt zu entwickeln. Mit ihren inzwischen gigantischen Hilfen, auch zur Aufrechterhaltung der ukrainischen Wirtschaft und der ukrainischen Staatlichkeit, haben Europäer und Amerikaner das Recht erworben mitzureden über den weiteren Weg durch diese Krise.

Noch allerdings ist eine abgestimmte westliche Strategie gar nicht greifbar, ein Mangel, der dringend überwunden werden muss und neue Spielräume eröffnet für die europäische Diplomatie. Hier, auf globaler Ebene, werden Berlin und Paris noch viele neue Projekte finden. Und sie werden erneut entdecken, dass sie weltweit wenig bewegen können, solange sie nicht wenigstens untereinander einig sind.

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