Kolumne

Ostwestfalen

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Wenig reden, gerne zu Hause bleiben und niemals etwas Spektakuläres erleben: So lauten die Klischees über die Menschen rund um Bielefeld und Paderborn. Und dann das Virus … Die Kolumne.

Eine innere Zerrissenheit ergibt sich bereits aus dem Namen. Der Ostwestfale scheint nicht genau zu wissen, wo er hingehört. Es gibt ja auch keine Nordsüdmenschen. Und wenn Nord und Süd doch einmal in einem Satz auftauchen, assoziiert der politisch denkende Mensch sogleich einen fundamentalen Konflikt. Der Ostwestfale indes hat sich damit arrangiert, dass die Himmelsrichtung Ost nicht im Widerspruch zu jener im Westen steht, sondern den östlichen Raum Westfalens bezeichnet, was als historische Einheit nie allzu lange Bestand hatte.

Dem Ostwestfalen ist Zufriedenheit wichtig, weshalb er sich am liebsten zu Hause aufhält. Die Heimatliebe der Ostwestfalen ist derart intim, dass Namen wie Eggegebirge, Teutoburger Wald und Delbrücker Land weitgehend unbekannt geblieben sind. Die Schönheit der Gegend, wie man hier sagt, behalten die Einheimischen lieber für sich. Für sie ist es unvorstellbar, dass es Menschen gibt, die, von Niederländern einmal abgesehen, darauf aus sein könnten, ihren Landstrich zu Erholungszwecken aufzusuchen.

Um so bitterer ist es nun für den Ostwestfalen, das Stigma mit sich herumzutragen, Überträger einer Seuche zu sein. Aber plötzlich war es da, das Virus in Verl, Rheda-Wiedenbrück und Gütersloh, und wer die Region einmal durchquert hat, weiß, was das heißt.

Vorstadt reiht sich an Vorstadt, und ehe man sich versieht, ist man bereits in Bielefeld oder Paderborn. Schon möglich, dass der Ostwestfale gar nicht von zu Hause fort gewollt hätte. Es nun aber nicht zu dürfen, weist er stumm kopfschüttelnd von sich. Der Ostwestfale redet nicht gern, aber er weiß, wie es zugeht in der Welt, die nun vor ihm abgeriegelt werden soll.

Der schönste Witz über die Unlust, Worte oder ganze Sätze aneinanderzureihen, soll hier nicht unterschlagen werden, obwohl man ihn eigentlich nur versteht, wenn man Ostwestfale ist oder einen kennt. Kommt ein Mann in eine Kneipe mit einem Papagei auf der Schulter. „Spricht der?“, fragt daraufhin ein Gast. „Keine Ahnung“, sagt der Papagei, „ich habe ihn noch nicht sehr lange.“

Wenn Corona nicht in dem Schlachtbetrieb des Mannes ausgebrochen wäre, der sich von Rheda-Wiedenbrück aus nach Gelsenkirchen aufgemacht hatte, um sich dort den örtlichen Fußballklub FC Schalke 04 untertan zu machen, hätte es für den Ostwestfalen noch ein ganz versöhnlicher Sommer werden können. Paderborn und Bielefeld tauschen die Plätze in der Bundesliga. Mehr war da nicht.

Nun jedoch hat der Kreis Gütersloh die Aufmerksamkeit des ganzen Landes auf sich gezogen und die Ostwestfalen zu einer Kohorte gemacht, die man sich besser vom Leib hält. Der solide Nachbarschaftsregionalismus, der eben noch eine echte Alternative zu nationalstaatlichen Verspannungen hätte sein können, ist infiziert worden mit Vorsicht, Angst und Ablehnung.

Was einmal als Ressentiment gegeißelt wurde, kehrt nun als Schutzinteresse zurück. Vorbei die Zeit, als „lippische Schützen“, wie es in dem einschlägigen Lied über die Lipper heißt, gen Frankreich zogen, um das Vaterland zu schützen. Mit den soldatischen Tugenden war es hier nicht so weit her. Schon vor der Schlacht waren die heimischen Speisen verzehrt, und oft kamen die Lipper erst an, wenn alles vorbei war. Selbstironie, man mag es kaum glauben, gehört zu den Merkmalen des Ostwestfalen. Vor einem Virus läuft er nicht gleich davon.

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