Aberglaube

Opium fürs Volk

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Vernunftbegabte Wesen wie wir sind mitunter doch recht anfällig für abergläubischen Unsinn. Glücksbringer gibt es schließlich überall.

Hand aufs Herz, wer hat noch nie vor einer schwierigen Aufgabe auf Holz geklopft, wegen unklarer Liebesangelegenheiten Gänseblümchen gerupft, einen Glücksmoment bei der Entdeckung eines vierblättrigen Kleeblatts empfunden oder ist sonstigem Woodoo-Zauber erlegen? Wir vernunftbegabte Wesen sind mitunter doch recht anfällig für abergläubischen Unsinn.

Nicht, dass ich mich gleich vom Pech verfolgt fühle, wenn ein schwarzer Kater meinen Weg kreuzt. In meinen Jerusalemer Jahren habe ich mir das abgewöhnt angesichts der Unmassen an Straßenkatzen jeder Couleur, die in der Stadt umherstolzieren als ob sie ihnen gehört.

Aber die im Nahen Osten unter Arabern wie Juden beliebte Hamsa – die meist aus Edelmetall, Glas oder Keramik gefertigte Silhouette einer Hand mit einem blauen Auge in der Mitte, das vor dem bösen Blick schützen soll – hängt auch bei mir in Berlin an der Wand. Sieht schön aus und kann ja nichts schaden, einen Glücksbringer in der Wohnung zu haben.

Sogar Apple hat kürzlich ein Hamsa-Symbol in seinen neuesten Satz an Emojis aufgenommen. Offenbar gibt es wenig Dinge, die die Menschheit so vereint wie der Glaube an gute oder schlechte Omen. Das Geschäft mit der Mystik ist ein Selbstläufer, und das seit der Antike bis ins heutige Hightech-Zeitalter.

Daran anknüpfend hat ein pfiffiger israelischer Künstler namens Eitam Tubul eine „Amulett-Behörde“ kreiert, die zwar nur in der virtuellen Welt existiert, aber gegen reale Unbill feien soll: All das eben, was dem Menschen heutzutage das Leben erschwert wie etwa schwacher Internetempfang, Computerabsturz oder auch Politessen, die auftauchen, wenn die Parkuhr gerade fünf Minuten abgelaufen ist.

Zu diesem Zweck hat der Designer merkwürdige Zeichen entworfen und sie an Jerusalemer Hauswänden rund um den Mahane-Jehuda-Markt angebracht. Jedes für sich ist gemünzt auf eine spezielle Situation, denen Normalsterbliche mitunter hilflos ausgeliefert sind.

Wer ein Zeichen fotografiert und das Bild im Handy speichert, habe, so verheißt die Schrift darunter, ein Amulett quasi in der Tasche. Eine schöne, subversive Aktion, finde ich, um den Aberglauben ad Absurdum zu führen. Vielleicht ging es auch dem Künstler noch mehr darum, dem Betrachter die Banalität moderner Alltagssorgen vor Augen zu halten. Vermutlich beides. Aber eigentlich ist Sinnsuche bei dem ganzen Hokuspokus, der jeder Logik Hohn spricht, fehl am Platz.

Und während ich mein Hirn nach einem klugen Gedanken durchforste, warum sich das Phänomen in unserer durchrationalisierten Welt trotzdem hält, steckt zum wiederholten Male mein Cursor fest. Bewege dich, verhextes Ding, murmele ich beschwörend. In der Not versucht man es dann doch mit ein wenig Magie und siehe da, der Cursor blinkt wieder auf dem Bildschirm.

Ein rechtzeitiges Update meines Programms gegen Computer-Bugs wäre sicher ratsamer gewesen. Aber in der Medizin wirkt ja manchmal auch bereits ein Placebo. Wenn ich die Psychologen, die sich mit Aberglauben beschäftigt haben, recht verstehe, ist das Vertrauen auf einen persönlichen Glücksbringer nichts Anderes.

Eine Art Placebo-Opiat fürs Volk, sozusagen religiöse Popkultur, um sich der Illusion hinzugeben, mit irgendeinem schnöden Talisman besser durchs unberechenbare Leben zu kommen. Bitte ziehen Sie, verehrte Leser, selber ihre Schlüsse. Mein Cursor spinnt schon wieder.

Inge Günther ist Autorin. 

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