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Omikron als Chance

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Von: Tim Szent-Ivanyi

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Ungewohnte Töne: Virologe Christian Drosten verbreitet Optimismus.
Ungewohnte Töne: Virologe Christian Drosten verbreitet Optimismus. © Kay Nietfeld/dpa

Die hochansteckende Virusvariante bringt Deutschland dem endemischen Zustand näher. Ungeimpfte allerdings gehen ein hohes Risiko ein. Der Kommentar.

Am vergangenen Freitag war in der Bundespressekonferenz Erstaunliches zu erleben. Bei der wöchentlichen Pressekonferenz zur Corona-Lage warnten Gesundheitsminister Karl Lauterbach und RKI-Präsident Lothar Wieler in gewohnter Weise mit deutlichen Worten vor den Gefahren des Corona-Virus. Von einer drohenden Überlastung des Gesundheitswesens war die Rede, von vielen Toten, vom Unvermögen der Gesundheitsämter, Infektionen überhaupt noch zu erfassen, geschweige denn nachzuverfolgen.

Der daneben sitzende Virologe Christian Drosten verbreitete dagegen Optimismus und stellte die Omikron-Welle mehrfach als Ausweg aus der Pandemie dar. Das waren Töne, die die Öffentlichkeit von dem als sehr vorsichtig geltenden Wissenschaftler nicht gewöhnt ist.

Selten zuvor in dieser Pandemie war die Verwirrung so groß wie jetzt. Das liegt nicht nur an einer unklaren Kommunikation der Regierung oder an den unvollständigen Informationen über die Auswirkungen der Omikron-Mutante. Erstmals spüren wohl alle in diesem Land, dass es Corona wirklich gibt. Im Kreis der Angehörigen und Freunde gibt es immer mehr Fälle roter Ampeln in der Corona-Warn-App, von positiven Schnell- oder PCR-Tests und von Erkrankungen, die mal milder, mal heftiger verlaufen. Die aktuellen Daten, wonach die Zahl der Neuinfektionen am Mittwoch erstmals über die Marke von 100 000 kletterte, bestätigen diese subjektiven Eindrücke.

Sind diese Zahlen nun Grund für Panik oder Freude? Weder noch. Dazu muss man sehr genau zuhören, was Drosten sagt. Er argumentiert, dass der Impfschutz zwar helfe, schwere Krankheiten zu verhindern. Er reiche aber nicht aus, um den endemischen Zustand wie etwa bei der Grippe zu erreichen. Dazu ist laut Drosten eine Durchseuchung der Bevölkerung nötig. Er vergleicht das mit einem Zug, auf den man irgendwann aufspringen müsse. Mit Omikron sei die Gelegenheit günstig: Denn der Zug fahre derzeit langsam, weil Omikron ein geringeres Krankheitsrisiko habe. Das erscheint alles sehr plausibel.

Was allerdings „Querdenker“ und Impfgegner:innen nicht hören wollen: Auch Drosten warnt davor, Omikron unkontrolliert durch die Bevölkerung rauschen zu lassen. Er spricht von der Impflücke als größtem Hindernis. Tatsächlich sind nach wie vor drei Millionen Menschen in der besonders gefährdeten Gruppe der über 60-Jährigen gänzlich ungeimpft. Ihr Risiko, schwer zu erkranken, ist zwar gesunken. Es ist aber immer noch deutlich höher als das der Geimpften und Geboosterten.

Omikron, so viel ist sicher, ist nicht mehr zu stoppen. Wenn es aber gelingt, durch ein paar weitere Wochen Disziplin die Infektionskurve weiter abzuflachen, dann ist die Variante eine Chance, selbst für Impfunwillige. Nicht wenige von ihnen tragen allerdings im Unterschied zu den Immunisierten das Risiko, die große Party zum Ende der Pandemie selbst nicht mehr erleben zu können.

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