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„Oans, zwoa, gsuffa“: Die Bavarisierung ist nicht aufzuhalten

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Von: Katja Thorwarth

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Das Oktoberfest findet jährlich nicht nur in München statt - es ist ein bundesweites Event.
Das Oktoberfest findet jährlich nicht nur in München statt - es ist ein bundesweites Event. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Das Oktoberfest ist auch 2022 fast überall. Insbesondere Grapschen gehört genauso dazu wie das Dirndl. Ein Kommentar – neu aufgelegt.

München/Frankfurt – Das Oktoberfest nahm unsere Autorin 2016 zum Anlass, mit der fortschreitenden Bavarisierung Deutschlands abzurechnen. Jetzt, sechs Jahre später, hat sich abgesehen vom unbestreitbaren Superspreader-Moment durch Corona, auf der originalen und den gefakten „Wiesn“ nicht viel getan. Bis auf die Bierpreise. Doch lesen Sie selbst:

Erstkolumne vom 28. September 2016: Deutschland wird im Herbst bayerisch: Die Unterwanderung läuft semi-politisch subtil unter dem Deckmäntelchen eines bombastischen Biergelages von Nord bis Süd, von West nach Ost. „Oans, zwoa, gsuffa“, schreit es allenthalben im Spätsommer, hochkulturelle Errungenschaften sind von Berlin bis Passau für die Tonne, Holzbänke unter Plastikplanen der „Place to be“.

Franziska Giffey (SPD), Berliner Bürgermeisterin, eröffnet das Oktoberfest am Alexanderplatz.
Franziska Giffey (SPD), Berliner Bürgermeisterin, eröffnet das Oktoberfest am Alexanderplatz. © Jörg Carstensen/dpa

Oktoberfest in München und Frankfurt: Nur die Bierpreise ändern sich

Auch Frankfurt lässt sich seit einigen Jahren nicht lumpen. In eine bedrohliche Bierzeltatmosphäre (2022) ist die Frankfurt-Oktoberfest-Webseite getaucht, eine Maß anstatt einem Gerippten prangt vor weißem Hintergrund, umspielt von blauem Festband. Sowieso sind blau-weiß die Farben, nicht etwa schwarz-rot, wie es sich gehört, und man möchte nur noch fragen, was die eigentlich von uns wollen.

Doch die bayerische Volkstradition findet auch hier ihre Seelen, die für eine Wanne lokalen Gerstensafts 8,80 Euro (10.90 Euro, 2022) berappen. Das scheint zwar billiger als in München, wo der Liter um die 10,50 Euro (zwischen 12,60 und 13,80 Euro, 2022 ) kostet, nur werden die Hessen mit einer Stammwürze von 12,7 Prozent (München 13,8) und einem Alkoholgehalt von 5,5 (6,0) deutlich auf Schonkost gehalten, weshalb der Bayer im Laufe des Abends eventuell günstiger wegkommen dürfte.

Eine Randnotiz angesichts der zahlreichen Tracht-Träger und -Trägerinnen, die durchs Frankfurter Bahnhofsviertel flanieren, ohne zum Wochenmotto eines ansässigen Establishments zu gehören. Denn de facto ist es nicht zu fassen, dass sich jenseits der Alpenregion Männer in lederne Knickerbocker und Frauen in eine Kleid gewordene Patriarchatssymbolik quetschen, die zumindest in Hessen maximal für den Maskenball taugt.

Oktoberfest: Herren in Ledertracht begeistert von den Dirndl-Damen

Doch wie entfesselt klatschen die Herren hüben wie drüben begeistert in die schwitzenden Hände, wenn die Dirndl-Dame die Maß aus dem Eimer ex und hopp stehend auf dem Biertisch abzieht und ihr die Hälfte ins Dekolleté sabbert. „Ein viel zu großes Herz in ihrer offenen Bluse“, besingt der Wiesn-Star Zascha (2016, „Sauf man no a Mass“, 2022, Oli P. „Edelweiß und heiß“) denn auch die weibliche Kleiderordnung, die ohne das männliche Pendant – „da reißt das Ledertürl an seiner Lederhose“ (ebenda) – gar nicht auskommt. Doch hat all das mit strukturiertem Sexismus aus Tradition selbstredend nichts zu tun, obwohl es laut „Süddeutsche Zeitung“ für die meisten Frauen beim Oktoberfest normal sei, „im Bierzelt mit einem Griff an den Busen rechnen (zu) müssen“.

Und das natürlich nicht erst seit 2016 (und immer noch 2022: „Bierleichen, Tourist niedergestochen, Sanitäter angegriffen, Festnahme wegen sexueller Belästigung“): Massenhaftes Grapschen im Kontext eines Partytraditionalismus ist eigenlogisch etwas anderes als die sexualisierende Verniedlichung des weiblichen Geschlechts, sagen wir mal, in den Umgangsformen innerhalb politischer Parteien. Wer einer Frau ein neckisches „Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen“ ins Ohr flötet, ist immerhin noch ein paar Zentimeter von der Brust entfernt. Zu Wiesn-Zeiten ist die – ganz der bajuwarischen Tradition verpflichtet – jedoch ohnehin Auslegeware. (Katja Thorwarth)

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