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Ahed Tamimi ist 17 Jahre alt und bekannt für ihre israelkritischen Kampagnen.

Israel-Palästina

Von Ohrfeigen und Gefängnis

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Wer seinem Gegenüber eine runter haut, handelt selten richtig. Jemanden deshalb zu inhaftieren ist nicht souverän. Die Kolumne.

Von der Straße in meinem sonst so ruhigen Berliner Wohnviertel gellen Schreie hoch. Unten tobt eine heftige Auseinandersetzung zwischen einem bulligen Mann und einer hysterischen Frau. Ich verharre auf dem Balkon, unschlüssig, ob ein Eingreifen geboten ist. Im Geiste sehe ich ihn schon ausrasten, als sie, von eher zierlicher Statur, ihm noch eine Backpfeife verpasst. Aber nein, er wendet sich ab, steigt ins Auto und fährt davon. Was immer ihren Beziehungskrach ausgelöst hat, in dieser Situation erweist sich der Stärkere auch als der Klügere.

Mir fallen die beiden israelischen Soldaten ein, die kürzlich ebenfalls ein paar Ohrfeigen ungerührt wegsteckten, was im Nachklapp allerdings erst recht die Gemüter in Wallung brachte. Dabei bewiesen die zwei Uniformierten eigentlich nur einen kühlen Kopf, den wiederum einige Entscheidungsträger vermissen ließen. Inzwischen haben sich auch Amnesty International sowie Vertreter der Europäischen Union besorgt zu Wort gemeldet, weil eine 16-Jährige, die es wagte, Soldaten zu watschen, nun seit einem Monat in einem Militärgefängnis sitzt.

Die Palästinenser verklären derweil die blondgelockte Ahed Tamimi zu ihrer „Jeanne d’Arc“, die sich unerschrocken mit bloßen Händen der Besatzungsmacht entgegengestellt habe. Dass Stunden zuvor ihr 15-jähriger Vetter bei Protesten gegen Trumps Jerusalementscheidung von einem Armeegeschoss mitten ins Gesicht getroffen worden war, lässt sie in palästinensischen Augen noch heldenhafter erscheinen.

Israels Nationalrechte wollen hingegen ein Exempel an dem palästinensischen Mädchen statuiert wissen. Nichts weniger als das Abschreckungspotenzial der Streitkräfte stehe auf dem Spiel. Zur Zähmung der widerspenstigen Ahed hat das Militärgericht jedenfalls diese Woche Haftfortdauer verkündet.

Ziemlich happig für eine Tat, die in einem älteren, vergleichbaren Fall ohne einen Tag Gefängnis endete. Aber damals ging es ja lediglich um eine junge rechtsradikale Siedlerin namens Yifat Alkobi, die sich wiederholt mit Soldaten angelegt und einem ins Gesicht geschlagen hatte. Im Unterschied zu Ahed Tamimi war sie auch nicht von einem Armeetrupp in einer Nacht- und Nebelaktion vier Tage nach der Tat aus dem Bett heraus verhaftet worden.

Mutter Tamimi kam übrigens gleich mit hinter Gitter, Kusine Nour ebenso. Sie hatten mitgemacht, als sich Ahed mit den Soldaten anlegte, wurden jedoch inzwischen frei gelassen. Angeklagt sind alle Drei wegen schwerer Handgreiflichkeiten und Behinderung von Soldaten im Einsatz. Der 16-jährigen Ahed Tamimi wird obendrauf Aufhetzung vorgeworfen. Klingt arg und überzogen.

Zumindest angesichts des Videos, das im Netz umhergeistert und wiedergibt, was sich an jenem 15. Dezember auf dem Grundstück der Tamimis in dem Westbank-Dorf Nabi Saleh abgespielt hat. Zu sehen sind die drei Frauen, wie sie zwei Soldaten in Kampfmontur erst zaghaft, dann mutwilliger wegzustoßen versuchen. Die beiden bewaffneten Uniformierten lassen sich nicht provozieren, nicht mal, als Ahed nach ihrer Wange haut. Sie ziehen von dannen. Zwei, die nicht überreagiert haben, ein Verdienst an sich.

Und wo bleibt ansonsten die Moral der Geschichte? Ohrfeigen sind kein Ausweis von souveränem Handeln. Minderjährige deswegen ins Militärgefängnis zu werfen, aber schon gar nicht.

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