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Donald Trump auf dem G20-Gipfel in Hamburg.

G20-Gipfel in Hamburg

Ohne Trump voran

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In der Klimapolitik hat der G20-Gipfel in Hamburg nur Widersprüche hervorgebracht. Aber sind erneuerbare Energien deshalb auf dem Rückzug? Der Leitartikel.

Was für ein Kompromiss. Große Industriestaaten und wichtige Schwellenländer haben auf dem Hamburger G20-Gipfel zwar ein Bekenntnis zum Pariser Klimaabkommen abgeliefert. Zugleich wollen die USA aber ausscheren, weiterhin auf fossile Brennstoffe setzen und anderen Ländern dabei helfen, diese „sauberer und effizienter“ zu nutzen, wie es im Abschlussdokument heißt.

Das passt nicht zusammen. Die im vorigen Jahr beschlossene Begrenzung der Erderwärmung lässt sich nur erreichen, wenn alle Staaten dieser Erde bis 2050 die sogenannte Dekarbonisierung ihrer Energieversorgung und ihrer Verkehrssysteme durchsetzen. Dekarbonisierung bedeutet, dass in 33 Jahren keine fossilen Brennstoffe mehr eingesetzt werden, um Strom und Wärme zu erzeugen und um Fahrzeuge zu bewegen.

Der Widerspruch, der beim Hamburger Gipfel offensichtlich wurde, bringt auf den Punkt, worum es den Regierungen beim Klimaschutz tatsächlich geht: Es handelt sich um Absichtserklärungen mit einem maximalen Maß Unverbindlichkeit. Sie dienen vor allem dazu, besorgte Bürger/Wähler zu beruhigen. Das alles heißt aber nicht, dass die Dekarbonisierung nicht mehr stattfindet. Sie findet womöglich sogar viel schneller statt, als viele Politiker sich das vorstellen. Aus blanken ökonomischen Gründen.

Dekarbonisierung besteht vor allem aus Umstellung auf Erneuerbare. Wind und Sonne werden im Wesentlichen die Energiequellen sein. Schon in acht bis zehn Jahren werden wir mit modernen Windmühlen und mit Photovoltaikanlagen unschlagbar billigen Strom herstellen können – für maximal etwa fünf Cent pro Kilowattstunde. Das lässt sich aus den aktuellen Ergebnissen von Ausschreibungen für Sonnen- und Windstromanlagen hochrechnen.

Der sogenannte Öko-Strom wird damit schon zur Mitte des nächsten Jahrzehnts etwa halb so teuer sein wie elektrische Energie aus neuen Kohlekraftwerken. Bei der Atomkraft haben wir es mindestens mit einem Faktor drei zu tun. Noch erheblich kostspieliger würde das werden, was US-Präsident Donald Trump als „clean coal“ (saubere Kohle) vorschwebt – das Abscheiden des Klimakillers Kohlendioxid aus den Abgasen von Kohlekraftwerken, um ihn dann unterirdisch zu speichern.

Die Erneuerbaren hingegen können uns binnen einer Generation der Vision von der fast kostenlosen Energie einen großen Schritt näher bringen. Insbesondere Sonnenstrom hat dabei einen weiteren großen Vorteil gegenüber fossilem Strom: Er kann dezentral erzeugt und an Ort und Stelle verbraucht werden. Seriöse Berechnungen gehen davon aus, dass in absehbarer Zeit hierzulande für Tausende Unternehmen und eine große Zahl von Wohnhäusern der Strombedarf zu 70 bis 80 Prozent durch Solaranlagen auf dem Dach und Batterien im Keller gedeckt werden kann.

Trump mit seinen Phantasien von der Renaissance der Kohle

Preiswerter Windstrom kommt hinzu – in großem Maß für den Verkehrssektor. Selbst die innigsten Freunde des Verbrennungsmotors haben längst eingesehen, dass die Elektrifizierung des Pkw- und des Lkw-Verkehrs kommen wird. In der Branche wird nur noch darüber diskutiert, wie schnell sie kommt.

Mit der Frage nach der Geschwindigkeit wird auch die Frage nach der Aufgabe der Politiker in diesem Prozess gestellt. Es gibt verschiedene Szenarien für eine schlechte Politik.

Regierungen, die gar nichts tun, provozieren eine Art unstrukturierten Umbau. Unternehmen, Vermieter, Eigenheimbesitzer und Autofahrer stellen sukzessive auf Erneuerbare um. Große Energiekonzerne, die auf Kohle, Gas und Atomkraft setzen, müssen immer mehr Anlagen stilllegen und wirtschaften sich langsam aber sicher in die Pleite.

Eine gute Politik moderiert und fördert den Umbau

Noch schlechter ist es, die überholten fossilen Technologien staatlich zu fördern, so wie es Donald Trump mit seinen Phantasien von der Renaissance der Kohle offenbar vorschwebt. Aber auch die deutsche Regierung hat hier schon Negativbeispiele abgeliefert. Etwa indem Braunkohlekraftwerke mit staatlichen Subventionen als vermeintliche Notreserve in Betrieb gehalten werden oder indem der Ausbau der Erneuerbaren gezielt gebremst wird. Eine derartige Industriepolitik hat vor allem einen Effekt: Sie verteuert Energie, saugt damit Kaufkraft ab und verschlechtert die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen massiv.

Eine gute Politik moderiert und fördert den Umbau, federt die sozialen Folgen ab und senkt damit langfristig Energiekosten für Bürger wie Unternehmen. Was dabei hierzulande zuallererst anzugehen ist? Der Kohleausstieg, am besten bis zum Jahr 2030. Für die Beschäftigten insbesondere in den Braunkohlerevieren müssen die bekannten Instrumente wie Altersteilzeit und Umschulungen bereitgestellt werden. Zugleich müssen Förderprogramme auf den Weg gebracht werden, um dort neue Unternehmen anzusiedeln, womöglich aus der Branche der Erneuerbaren.

Die zweite Säule muss eine Anpassung der Ausbauziele für die Erneuerbaren sein – abhängig vom technischen Fortschritt. Ganz nebenbei wird all das helfen, die Klimaziele zu erreichen, zumindest für Deutschland.

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