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"Wie müssen einander begegnen."
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"Wie müssen einander begegnen."

Gastbeitrag zum Diversity Day

„Ohne Angst verschieden sein“

Der Diversity Day ist eine Gelegenheit, den Sinn für Fairness und Gerechtigkeit zu schärfen. Wir alle müssen uns fragen, welche Vorurteile wir in uns tragen und wie wir sie ablegen können. Denn die Vielfalt in Deutschland ist eine Chance für das Land.

Von Manuela Schwesig

Haben Sie sich schon einmal in die Situation eines Flüchtlings, einer Rollstuhlfahrerin, eines schwulen Pärchens versetzt – oder in die eines Menschen, der von Rechtsextremen zusammengeschlagen wurde? Haben Sie schon einmal versucht, den Alltag in Deutschland mit den Augen von Angehörigen einer Minderheit zu sehen? Wenn Sie das versuchen, werden Sie spüren, wie unangemessen es ist, Menschen auf einzelne Merkmale wie deutsch, türkisch, männlich, weiblich, behindert, nicht behindert, ostdeutsch, westdeutsch zu reduzieren.

Kein Mensch lässt sich mit einer einzigen Eigenschaft beschreiben. Wir alle fühlen uns mehreren Gruppen zugehörig und definieren uns von Zeit zu Zeit neu. Identitäten entwickeln und verändern sich. Menschen, die einen bestimmten ethnischen Hintergrund haben oder einer bestimmten Religion angehören, werden besonders häufig in eine Schublade gesteckt. Das ist fatal. Abgrenzung und Kampf sind die Folge, wo es in einer globalisierten Welt mit all ihren Unterschieden doch darum gehen muss, den Blick für Vielfalt zu schärfen und das Verbindende zu sehen.

Die Frage ist, wie der Blick für Vielfalt, für „Diversity“, alltäglicher und selbstverständlicher wird. Vielfalt an sich ist noch kein Wert. Vielfalt ist eine Tatsache. Zum Wert wird Vielfalt mit der Frage, welche Möglichkeiten, Rechte und Chancen Minderheiten haben – im Unternehmen, im Gemeinwesen, in der Schule. Es geht um Teilhabe aller. Es geht um eine offene Haltung in einer offenen Gesellschaft. Ich will mich dafür engagieren, dass wir in unserem täglichen Tun deutlich machen, wie wir unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Gruppen respektieren können, damit sich alle als Teil unserer Gesellschaft fühlen. Lassen Sie uns lieber mit den diskriminierten Gruppen reden als über sie.

"Konflikte gehören zum Miteinander"

Dabei hilft es, Diversity und Partizipation als Querschnittsaufgabe zu verstehen: im Kindergarten, im Stadtteil, im Mehrgenerationenhaus, in den Vereinen, in Ministerien – überall. In Unternehmen und Organisationen sind folgende Fragen hilfreich: Passen unsere Angebote für alle unsere Zielgruppen oder vergessen wir ganze Gruppen, schließen sie gar aus? Wen nehmen wir überhaupt wahr? Sind wir in unserer eigenen Perspektive gefangen? Erkennen wir die Bedürfnisse der unterschiedlichen Gruppen? Nehmen wir Vielfalt als Chance? Die Antworten auf diese Fragen müssen zu strukturellen Veränderungen führen.

Gleichzeitig muss jede und jeder von uns immer wieder das eigene Verhalten prüfen. Oft grenzen wir im Alltag andere aus, ohne es zu bemerken. Eigene Vorurteile zu erkennen und zu hinterfragen, ist nicht einfach. Denn Vorurteile reduzieren Unsicherheit. Klare Zugehörigkeiten, hier ich und wir, dort „die anderen“ – das macht es einfacher, den eigenen Platz in der Welt zu finden. Aber sie rechtfertigen ungleiche Machtverhältnisse und den Ausschluss bestimmter Gruppen.

Unterschiedlichkeit wird nie konfliktfrei. Konflikte gehören zum Miteinander. Es kommt nicht darauf an, sie zu vermeiden, sondern Wege zu finden, konstruktiv damit umzugehen. Oft können Konflikte Motor für Entwicklung sein.

Damit Unterschiede nicht länger als bedrohlich wahrgenommen werden, braucht es Begegnungen und ein Nachdenken über das Erlebte, damit aus Erlebnissen interkulturelle Erfahrungen werden. Das interkulturelle Lernen ist wie eine lebenslange Reise. Wir sind auf dem Weg und immer aufs Neue gefordert in den Kontakten mit Menschen, die anders aussehen oder sich anders verhalten als wir selbst. Zu dieser Reise gehört es, mit Unterschieden umgehen zu lernen und Empathie für andere zu entwickeln. Diese Reise ist nie zu Ende. Doch unterwegs schärfen wir unseren Sinn für Fairness und Gerechtigkeit und werden jeden Tag ein Stück kompetenter.

"Die Vielfalt ist eine Chance für die Zukunft Deutschlands"

Das Gute ist, dass sich schon viele Menschen und Organisationen auf den Weg gemacht haben. Es liegen seit Jahrzehnten Erfahrungen vor: mit dem Anti-Bias-Ansatz, dem der Social Justice, der soziokulturellen Vielfalt, mit dem Demokratie-Lernen von Betzavta, mit Erfahrungen aus der Menschenrechtsbildung und viele andere mehr. Es gibt die internationalen Gedenktage der UN. Interkulturelle Wochen sind in vielen Kommunen etabliert, in vielen Unternehmen wird Diversity-Management gelebt. Schulen können sich bundesweit darum bewerben, als Schule ohne Rassismus und mit Courage ausgezeichnet zu werden. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, langfristig wirksame Projekte und Instrumente sichtbar zu machen. So wäre der Diversity Day am 3. Juni eine Chance, Entwicklungen zu präsentieren, zur Diskussion zu stellen, Patenschaften anzubahnen und Netzwerke zu knüpfen.

Jeder Mensch sehnt sich danach, Anerkennung und Wertschätzung zu finden, als Individuum und als Mitglied seiner sozialen Gruppen. Dieses Bedürfnis kann zu Vorurteilen und Diskriminierung führen, wenn wir den oft so bequemen Weg der Abgrenzung gehen. Das gleiche Bedürfnis kann uns aber auch stark machen. Wir können uns gegenseitig ermutigen, uns aktiv gegen diskriminierendes Verhalten zur Wehr zu setzen. Dies schenkt uns die Erfahrung, gemeinsam und solidarisch etwas zu bewirken. Das ist meine Vorstellung von einer modernen Gesellschaftspolitik, die die Vielfalt der Lebensentwürfe in unserem Land, die Vielfalt der Herkunft und der Kulturen als Chance für die Zukunft Deutschlands versteht. „Ohne Angst verschieden sein“ – wenn wir das beherzigen, stärkt es uns als Gesellschaft sowie jede und jeden Einzelnen.

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