Kolumne

Der Ofen ist aus

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Die Kultur der Nachhaltigkeit war mir geläufig, lange bevor das Wort in Mode kam. Aber es ist nicht leicht, nach diesem Konzept zu leben.

Meine konsumistische Sozialisation verlief in den 60er Jahren über den Grundsatz: lieber gut als viel. Das war für uns Kinder keineswegs nur erfreulich. Zu meiner Heiligen Kommunion musste ich den Anzug meines vier Jahre älteren Bruders auftragen. Der war modisch nicht auf der Höhe der Zeit, aber meine Eltern befanden: Er ist noch gut. Und zu widersprechen war schlicht zwecklos.

Ich versuchte, mich auf andere Weise gegen die Pflicht des Auftragens zur Wehr zu setzen. Bei der ersten Gelegenheit, die sich mir, frisch in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen, bot, stürzte ich auf der Straße derart unglücklich, dass das gute Stück im Beinbereich in Fetzen herabhing. Meine blutigen Knie schützten mich vor dem Verdacht der mutwilligen Zerstörung.

Die Kultur der Nachhaltigkeit war mir geläufig, lange bevor das Wort dafür verwandt wurde. Mein Vater hatte die Angewohnheit, Arbeitsgeräte zu pflegen und zu flicken, solange es eben ging. Bei der Auflösung des Hausstands fanden wir vor nicht langer Zeit sorgsam mit Draht traktierte Gebrauchsgegenstände, die nicht mehr schön, aber funktionstüchtig waren.

Unser kindliches Bedürfnis, das jeweils Neueste zu bekommen, wehrten die Eltern beharrlich mit Verweis auf das Gute, Alte ab. Als ich mir zu Weihnachten einmal das handelsübliche Spielmodell einer Autogarage wünschte, überraschte mich mein Vater mit einer gebastelten Version aus Sperrholz. Für meine offen gezeigte Enttäuschung schäme ich mich noch immer. Erst sehr viel später erahnte ich, wie viel Liebe fürs Detail in seine Arbeit eingeflossen sein muss.

Wirksam war die Form der auf Nachhaltigkeit bedachten Erziehung schließlich aber doch. Ich versuche bis heute, mich mit langlebigen Dingen zu umgeben, auch wenn sie kostspielig sind. Die Manufactum-Ideologie („Es gibt sie noch, die guten Dinge“) wurde für Leute wie mich erfunden. Über nichts ärgere ich mehr als darüber, die Sollbruchstelle eines Produktes, das besonders werthaltig erschien, übersehen zu haben.

Allerdings wird das Prinzip des bedachtsamen Konsumierens heute noch von ganz anderen Dingen als Selbst- und Herstellertäuschung bedroht. Unser Bedürfnis, das Gute einfach zu erhalten, wurde zuletzt durch das hehre Anliegen des Umweltschutzes behindert. Jedenfalls scheiterten wir vorerst daran, dem

Kaminofen eines Qualitätsherstellers zu einer neuen Wirkungsstätte in unserer Wohnung zu verhelfen.

Nach Auflösung einer Ferienwohnung harrte der Ofen seiner weiteren Verwendung. Wir gaben uns Mühe, aber vor die Genehmigung des Anschlusses hatte der Schornsteinfeger den Erhalt eines Prüfberichtes gesetzt, dem genaue Angaben über die Feinstaubbelastung zu entnehmen seien.

Alles gut mit dem Gerät, lautete postwendend die Antwort des Herstellers. Laut Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (1. BImSchV) gelte Bestandsschutz. Problematisch sei jedoch die Veränderung des Standorts. Ob sich die Nachrüstung eines Filters lohne, liege natürlich in unserem Ermessen. Näheres könne uns ein Händler vor Ort mitteilen.

Wie es aussieht, schauen wir bald auf ein stillgelegtes gusseisernes Möbel. Es gibt sie noch, die guten Dinge. Allerdings, wir dürfen sie nicht nach Belieben nutzen.

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