Kerzen für die Opfer der Massenschießerei: Trauernde entzünden Lichter an einer Kreuzung des Las Vegas Boulevards.
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Kerzen für die Opfer der Massenschießerei: Trauernde entzünden Lichter an einer Kreuzung des Las Vegas Boulevards.

"Mandalay"-Massaker Las Vegas

Das öffentliche Trauma wird maximiert

  • vonThomas Spang
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Der Umgang mit dem Schrecken von "Mandalay" folgt einem ewig gleichen Schema: das öffentliche Trauma wird medial verstärkt - und die wichtigen Fragen nicht hartnäckig genug gestellt. Unser Kommentar.

Das „Mandalay“-Massaker“ ist die 273ste Massenschießerei des Jahres 2017 in den USA. Sie bleibt vielleicht für eine Weile die tödlichste in der Geschichte, wird aber gewiss nicht die letzte sein. 

Die elektronischen Medien haben ihren Anteil daran, indem Sie Tätern wie Stephen Paddock (64) über Nacht zur Berühmtheit verhelfen. Damit bekommt er genau das, wonach alle Psychopathen gieren: Aufmerksamkeit. 

Experten raten schon seit langem dazu, den Tätern diesen Gefallen zu verweigern. Statt dem Rat zu folgen, bauen die Nachrichtenkanäle auch diesem Wahnsinnigen wieder die große Bühne auf. 

Lustvoll berichten sie die grausigen Details. Wie der Mörder vorging, welche Waffen er benutze und wie er Position bezog.

Hemmungslos zerren die TV-Sender Menschen vor die Kameras, die sicht- und hörbar noch unter Schock stehen.

Maximiert wird das öffentliche Trauma, indem zapplige Handy-Videos in Endlosschleife das Grauen dokumentieren, es zu einem Massenspektakel machen. All dies hat weniger mit dem berechtigten Interesse der Öffentlichkeit an Information zu tun als der Jagd nach Einschaltquoten. 

„If it bleeds it leads“ lautet das zynische Kalkül, das die Tage nach den Massenmorden in den USA so unerträglich machen. Und in einer TV-Routine münden lassen, die Nachahmer motiviert, einander zu übertreffen. 

Paddock tötete die meisten Menschen, Adam Lanza schockierte, weil er Grundschulkinder in Sandy Hook abschlachtete, Dylan Roof, indem er in einer schwarzen Kirche von Charleston die Teilnehmer eines Bibelkreises kaltblütig niedermetzelte.   

Immer gleicher Umgang mit dem Schrecken

Der Umgang mit dem Schrecken entwickelte sich seit dem Massaker an der Columbine High School von Littleton 1999 zu einem folgenlosen Ritual, dessen Drehbuch die Rollen klar verteilt. 

Der Präsident ruft zur Einheit auf. Republikaner bieten Gebete an. Demokraten fordern strenge neue Gesetze. Tränenreich berichten Betroffene von dem erfahrenen Leid, Verlust und Horror, während Reporter atemlos das Leben der Täter ausleuchten. Es gibt Helden und Anti-Helden. 

Nur ändern tut sich am Ende nichts, weil die wirklich wichtigen Fragen nicht mit der nötigen Hartnäckigkeit gestellt werden. Eine funktionierende Öffentlichkeit nähme in dem einzigen Industrieland, in dem Massaker regelmäßig auf der Tagesordnung stehen, die die Ausreden von Verantwortlichen nicht hin, die behaupten, so etwas sei einfach nicht zu verhindern. 

Es wäre schon viel damit getan, Psychopathen wie Stephen Paddock posthum den großen Auftritt zu verweigern. Zum Beispiel, indem die Namen der Täter zeitnah nicht publiziert und ihre sozialen Medienkonten umgehend vom Netz genommen werden. Niemand muss die Details ihres teuflischen Vorgehens erfahren, um zu verstehen, was geschehen ist. 

Auch das schamlose Vorführen der Betroffenen sollte aufhören. Weniger Boulevard trüge vielleicht dazu bei, zu begreifen, wie zynisch Emotionen ausgebeutet werden. 

In ihrer Angst, selber Opfer zu werden, rüsten die Amerikaner in den Tagen nach Massenschießereien traditionell auf. Mit dem traurigen Ergebnis, dass sich an ihrer Obsession mit den Waffen seit Jahrzehnten nichts geändert hat. 

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