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Bill Gates beim Spenden in Tansania.

Leitartikel

Obszöne Spende

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Bill Gates hat Milliarden von Dollar gespendet - und bleibt dennoch der reichste Mann der Welt. Was läuft falsch? Der Leitartikel.

Bill Gates hat mal wieder Microsoft-Aktien verschenkt. Diesmal im Wert von 4,6 Milliarden Dollar. 1999 hatte er schon Aktien im Wert von 16 Milliarden Dollar an die „Bill & Melinda Gates Foundation“ weitergereicht, seine Schaltstelle für Spendenverteilung. Seit 1994 sollen seine Frau und er insgesamt 35 Milliarden Dollar gespendet haben. Die Zahlen haben etwas Obszönes.

Wenn es dann noch heißt, der edle Spender sei mit seinen 86 Milliarden Dollar Privatvermögen nach wie vor der reichste Mann der Welt, spätestens dann kommen 99,99 Prozent der Weltbevölkerung auf die Idee, dass sie irgendetwas falsch gemacht haben. Wie immer beeinträchtigt auch hier ein gutes Gedächtnis die gute Laune: Anfang des Jahres meldete Oxfam, dass die acht reichsten Menschen der Welt so viel Geld haben wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Irgendetwas läuft da ganz offensichtlich gewaltig schief.

Bill Gates gibt seit vielen Jahren sehr viel Geld aus für die Abschaffung der Armut. Aber mit Geld scheint das nicht zu schaffen zu sein. Die Superreichen werden jedes Jahr noch reicher und erhöhen den Abstand zum Durchschnitt immer mehr.

Kaum Steuern, hohe Spenden

Kritiker erinnern jetzt daran, dass die in Redmond im US-Bundesstaat Washington registrierte Firma Microsoft von den fast 43 Milliarden Dollar, die sie in den vergangenen zwei Jahren verdiente, gerade mal 128 Millionen in den USA versteuerte. Da ist gut spenden, meinen die, die nicht wissen, dass Microsoft-Gründer Bill Gates nur noch 1,3 Prozent der Aktien seiner Firma hält, sein Vermögen also nur noch zu einem Bruchteil mit Microsoft zusammenhängt.

Es könnte allerdings auch sein, dass Bill Gates sein Geld in der Vanguard Group und in Blackrock stecken hat, also im größten Anleihefonds und im größten Vermögensverwalter der Welt. Die haben zusammen mehr als eine Milliarde (von 5,8 Milliarden) Microsoft-Aktien, außerdem haben sie Geld bei Google (Alphabet Inc.), bei PayPal und Apple. Man kann sich vorstellen, zu was für einem Strom Geld anwächst, das aus diesen Quellen fließt. Nur nebenbei: Aufsichtsratsvorsitzender des deutschen Zweiges von Blackrock ist Friedrich Merz, einst Vorsitzender der Fraktion von CDU/CSU im Deutschen Bundestag.

Zurück zu Bill Gates. Niemand von uns kann hineinschauen in ihn. Man kann untersuchen, wie weit er mit Spenden auf der einen Seite stützt, was ihm auf der anderen Seite ökonomisch nutzt. Dazu müsste man wissen, wo überall er nicht nur sein Geld stecken hat, sondern auch womit er seine Gewinne macht. Das würde uns bei unserer Lebensgestaltung wohl nicht so viel helfen. Schließlich kann man bei so vielen Milliarden ruhig mal zig Millionen in den Sand setzen.

Man kann wirklich viel ausprobieren, muss also nicht nur Buchhalter, sondern kann auch ein richtiger Unternehmer sein. Er kann ruhig mit sehr vielem scheitern. Das Lehrgeld, das man dann redensartlich zahlen muss, kann sehr hoch sein. Eine Milliarde zum Beispiel würde ihm nicht wirklich wehtun.

Geld verteilen heißt Chancen verteilen 

Was man alles lernen kann, wenn man so viele Möglichkeiten hat, Ideen auszuprobieren! Chancengleichheit? Sie besteht natürlich nicht. Andererseits wurde Bill Gates nicht als der reichste Mann der Welt geboren. Er ist dahin gekommen durch ... Keine Ahnung. Arbeit, Energie (womöglich auch kriminelle?), Wille, Ausbildung, Kenntnisse haben sicher ihre Rollen gespielt. Aber pures Glück mal an dieser, mal an jener Gabelung hat sicher den Ausschlag gegeben.

Jetzt sitzt er an einer Stelle, an der er das Glück verteilen kann. Nein, das ist falsch. Er kann Geld verteilen, also Chancen. Was daraus wird, weiß er so wenig wie der Rest der Welt. Aber er kann sich Irrtümer leisten. Das unterscheidet ihn von uns Otto Normalverbrauchern. Er kann das in einem Umfang tun wie nicht einmal ein Dutzend der 7,5 Milliarden Menschen auf der Welt.

Das ist ungerecht. Aber, was heißt ungerecht? Wären 4,6 Milliarden, die er gerade gespendet hat, statt 86 Milliarden gerechter? Vielleicht ist Gerechtigkeit tatsächlich wie die, die von der Ungerechtigkeit profitieren, seit Menschengedenken sagen, die falsche Kategorie. Was wäre denn gerecht? Aber eines ist sicher: Wir hören sehr wenig von Superreichen, die Gebrauch machen von ihren Chancen.

Spenden haben damit nichts zu tun. Sie reparieren bestenfalls Lücken, die der Staat gerissen hat. Das ist Okay, aber kein Weg, einer Not, ein Ende zu machen. Manchmal ist es nicht einmal okay, weil so leicht Einrichtungen entstehen, die sich bestens auf die Akquise von Spenden verstehen, aber keine Expertise beim Helfen haben. Mit Moral hat das alles wenig zu tun. Wir wissen, dass eine Gesellschaft nur so stark ist, wie der Zusammenhalt in ihr. Die Superreichen werden begreifen müssen, dass auch der seinen Preis hat.

Da werden Spenden allein nicht mehr genügen. Wie viel spenden eigentlich die restlichen sieben von denen, die so viel Geld haben wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung?

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