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Hertha gegen die Bayern, inklusive Schiedsrichter.

Kolumne

Oberrang Ostkurve

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Schiedsrichter beleidigen, Gegner beschimpfen: Ja, da kommt Frohsinn auf im Stadion. Nur die Wurst danach ist so eine Sache.

Als Autor der frohen Kolumne und als mein eigenes Versuchsobjekt auf dem Weg zur umfassenden Glückseligkeit lasse ich keine Gelegenheit aus, um den Mühen der Ebene zu entrinnen und in die höheren Sphären des Frohsinns zu entschwinden. Ob Samstagabendprogramm im Fernsehen, ein Wochenende in einer Wellness-Oase oder ein Erlebnis-Geschenk von Jochen Schweizer – ich nehme alles mit, auch das Pokalspiel zwischen Hertha BSC und Bayern München. Denn nichts lässt das Herz schneller schlagen als der Anblick frohgestimmter junger Männer, die sich im fairen Wettstreit um einen Ball rangeln und versuchen, ihn ins Tor zu schießen, ohne dabei die Hände zu Hilfe zu nehmen.

Das Olympiastadion in Berlin mag auf den ersten Blick nicht der richtige Ort sein für Fröhlichkeit, denn automatisch geht der Blick dahin, wo einst Adolf Hitler stand und jetzt eine VIP-Lounge liegt und sich heute nur noch Wirtschaftsführer tummeln. Da hilft auch kein Jesse Owens, der Ort ist belastet, und es braucht ein paar Minuten kräftiger Gesänge, vom klassischen Ha-Ho-He bis zu einem rustikalen Schlager, der außerhalb Berlins auf Verständnislosigkeit trifft, um das Gespenst der Vergangenheit zu vertreiben. Liverpool hat die Beatles, Berlin hat Frank Zander.

Die Karten für das Spiel haben die Kinder organisiert. Früher habe ich auf die Jungs aufgepasst, heute bringen sie mir warme Decken und Pfefferminztee, während uns Schweinenackensteaks um die Ohren fliegen, als die Heimmannschaft in Führung geht und sich die Besucher ringsum vor Freude nicht mehr halten können. Natürlich wird die Führung schnell verspielt.

Die Fans sind von unbedingter Parteilichkeit. Auf eine reflektierte Meinung kann man in der Ostkurve lange warten, und Oberrang Ostkurve muss es sein, sagen die Jungs. Unten feuert ein Einpeitscher die Ränge an, oben werden erste „Scheiß-Bayern“-Rufe laut, die man vor dem nächsten Urlaub am Chiemsee vergessen sollte.

Auch sonst hält sich bei der Beschreibung der gegnerischen Spieler niemand an politische Korrektheit. „Froschfresser“ (Ribery) oder „Polensau“ (Lewandowski) machen die Runde, wenn die Erregung groß ist. Angst vor Klischees ist kein Charakterzug, den man Fans vorwerfen kann, Rassismus auch nicht. Schließlich ist es egal, woher jemand kommt, solange er für die Heimmannschaft spielt.

Der Schiedsrichter wird gerne „Fotze“ gerufen. Ein Nachbar in der Sitzreihe hinter uns tut sich besonders hervor. Als ich mich umdrehe, um ihm zu sagen, dass er sich im Geschlecht irre, der Mann in Schwarz sei eher ein Schwanz, sehe ich, dass er von seiner Frau begleitet wird, die mindestens ebenso grimmig blickt wie ihr Gatte. Gegen „Fotze“ hat sie nichts einzuwenden. Als ich ihnen trotzdem vorschlagen will, den Schiedsrichter wenigstens „Möse“ zu rufen – ist das gleiche Geschlechtsteil, klingt aber freundlicher – fällt das drei zu zwei für Bayern in der Nachspielzeit.

Auf dem Rückweg gebe ich eine Runde Thüringer im Brötchen aus für den Familien-Fanblock. Der Stand liegt vor dem Stadion-Ausgang, die Wurst trieft vor Fett und schmeckt nach Steinkohle. So war es auch schon bei meinem letzten Besuch. Schön, denke ich, dass sich wenigstens ein paar Traditionen halten. Schon hat sich der Abend gelohnt und Frohsinn stellt sich ein. Auf Schlachtrufe wie „Wir sind faire Verlierer“ oder „Superschiri – Du bist unser bester Mann“ aber muss die Welt aber noch lange warten.

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