Kolumne

Nutzen oder besitzen

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Wird eine Gesellschaft, die sich allmählich vom individuellen Besitz verabschiedet, eine nachhaltige sein?

Es ist eine traurige Geschichte. Leider war nichts mehr zu retten, wir hatten es versucht. Unsere geliebte Espressomaschine hatte ungute Alarmzeichen gesendet und danach ihren Dienst quittiert. Eine Zeit lang konnte man die Funktionsstörung noch mit dem vorsichtigen Abtrocknen des Wasserzulaufs in den Tank beheben, aber bald war auch das vergeblich.

Es war nicht irgendeine Maschine, sondern ein gediegenes Siebträger-Modell, also eines, bei dem man den gemahlenen Kaffee selbst einfüllt, um anschließend mit einer Art stählernen Stempel sanften Druck auf das Kaffeemehl auszuüben. Ehe wir den Durchlauf manuell starten konnten, zeigte ein Thermometer an, wann das aufgeheizte Wasser die optimale Temperatur erreicht hatte. Es waren des Morgens stets dieselben paar Handgriffe, ein geliebtes Ritual.

Eine Reparatur, so versicherte der Fachmann unseres Vertrauens, lohne nicht mehr. Selbst wenn er etwas ausrichten könne, dürfte sich das Problem bald wiederholen. Der Kessel sei einfach zu porös. Ersatzteile? Gibt es nicht mehr, immerhin sei das Gerät bereits 22 Jahre alt.

Nicht ohne Wehmut darüber, dass es uns so lange begleitet hatte, stimmten wir der Beseitigung durch den Fachhändler zu, nachdem wir die Überlegung verworfen hatten, es als schickes Industriemöbel doch noch in unserer Wohnung zu behalten.

Vielleicht lag es am sentimentalen Verhältnis zu unserer Kaffeemaschine, dass mir auf dem Weg in meine Berliner Redaktion verstärkt auffiel, wie sehr sich der Umgang mit den kleinen Helfern des Alltags verändert.

Seit kurzem kann man überall in der Innenstadt die sogenannten E-Scooter und E-Roller beobachten, die herrenlos auf den Gehwegen auf Kundschaft warten, von der sie dann mittels digitaler Kommunikationsmedien in Bewegung gesetzt werden.

Um eine weitere Beschäftigung mit den Rollern zu vermeiden, habe ich es zunächst mit ästhetischer Abwehr versucht. Mal ehrlich: Nicht nur das Roller-Design sieht scheiße aus, sondern auch die Menschen, die darauf bemüht sind, Haltung zu bewahren.

Junge Kolleginnen und Kollegen aber haben mir versichert, dass alles ganz einfach sei. Die Zugangsberechtigung erfolge über eine eigens heruntergeladene App nahezu mühelos. Was also hindert mich noch, es endlich selbst einmal zu probieren?

Die Digitalisierung schreitet voran, aber die materielle Welt hat Mühe, Schritt zu halten. Der Wartezustand scheint den geräuschlosen Fortbewegungsmitteln nicht sonderlich gut zu bekommen. Obwohl die Roller fabrikneu sind, wirken sie, derart achtlos zurückgelassen, bereits jetzt wie lästiger urbaner Sondermüll.

Und selbst die schöne Idee der sorglosen Nutzung hat ihre Tücken. So gibt es bereits Berichte darüber, dass die ach so praktischen Mobilitätshilfen insbesondere des Nachts nicht auffindbar sind. Die App auf dem Handy meldet den Standort, aber die Vorbenutzer haben es im buchstäblichen Sinn aus dem Verkehr gezogen, um es am nächsten Morgen gleich wieder in Betrieb nehmen zu können.

Vielleicht weiß der nächste Algorithmus auch dieses Problem zu beheben. Ich aber bleibe skeptisch, ob eine Gesellschaft, die sich allmählich vom individuellen Besitz verabschiedet, eine nachhaltige sein wird.

Harry Nutt ist Autor.

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