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Nur Reformen helfen

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Von: Tobias Schwab

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Dürre, Klimawandel, steigende Preise: Für Mensch und Tier, wie hier in Äthiopien, brechen noch härtere Zeiten an.
Dürre, Klimawandel, steigende Preise: Für Mensch und Tier, wie hier in Äthiopien, brechen noch härtere Zeiten an. © EDUARDO SOTERAS/AFP

Nahrung muss global nachhaltig produziert werden, damit Menschen nicht mehr hungern müssen. Der Leitartikel.

Die Welt stehe vor einem „perfect storm“, der nicht nur die Ärmsten der Armen treffen werde, warnt David Beasley, Exekutivdirektor des Welternährungsprogramms. Und UN-Generalsekretär António Guterres sieht eine „beispiellose Welle von Hunger und Elend“ anrollen, von der Fachleute glauben, sie habe das Potenzial, sich zur schlimmsten Katastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg auszuwachsen.

Die globalen Folgen des Krieges gegen die Ukraine mit steigenden Preisen für Getreide und Düngemittel verschärfen dabei nur die existenzielle Not in vielen Ländern. Schon seit Jahren steigt die Zahl der Hungernden und Unterernährten wieder an. Mehr als 800 Millionen Menschen werden nicht satt. Das ist mit Blick auf die UN-Nachhaltigkeitsziele eine bittere Bilanz. Denn bis zum Jahr 2030 soll der Hunger auf der Erde beendet werden. Nicht einmal annäherungsweise ist das wohl noch zu schaffen.

Selbst wenn plötzlich Frieden wäre in Osteuropa, alle Lieferblockaden gelöst würden und Handelsbeschränkungen wegfielen, würde der Hunger der Millionen nicht nachhaltig gestillt. Man muss es so hart sagen: Das globale Ernährungssystem ist nicht in der Lage, die Menschheit zu ernähren. Die Art und Weise, wie wir Nahrungsmittel produzieren, schafft ihre eigenen Opfer und lastet der Menschheit gigantische Folgekosten auf.

Deutschland muss nachlegen

Selbstverständlich braucht es jetzt in der akuten Krise schnelle Interventionen, um Menschenleben zu retten. Dass das Welternährungsprogramm (WFP) mangels Geldes die Essensrationen für 1,7 Millionen Hungernde in Südsudan streicht, ist ein Signal der Schande für die Weltgemeinschaft. Das WFP ist auf freiwillige Beiträge der Regierungen angewiesen. Die großen Geber, darunter Deutschland, müssen jetzt unbedingt nachlegen, um die Nothilfe aufrechtzuerhalten.

Mittelfristig aber braucht es einschneidende Reformen im Ernährungssystem, die sich strikt am Menschenrecht auf Nahrung orientieren. Die Ursachen von Hunger sind nicht absolute Knappheiten, denen man nun mit einer massiven Ausweitung des Anbaus begegnen müsste. Schon lange wird auf den Äckern der Welt genug produziert. Problematisch hingegen sind Abhängigkeiten und Konzentrationen.

Die zeigen sich etwa darin, dass die vier Hauptkulturen Weizen, Mais, Zuckerrohr und Reis ungefähr die Hälfte der weltweiten Agrarproduktion ausmachen, von wenigen Ländern exportiert und von kaum einer Handvoll Konzerne gehandelt werden.

Nahrung gleich Menschenrecht

Von Ernährungssouveränität kann da vielerorts keine Rede sein. Afrikanischen Staaten vor allem müsste daran gelegen sein, massiv in Landwirtschaft zu investieren. Dort liegen gewaltige Potenziale für den Anbau von Nahrungsmitteln brach. Noch viel zu wenige Länder des Kontinents erreichen das 2003 vereinbarte Ziel, mindestens zehn Prozent ihres nationalen Budgets für die Entwicklung des ländlichen Raums aufzuwenden – und damit resilienter gegenüber Schocks auf den Weltmärkten zu werden.

Konsequent am Menschenrecht auf Nahrung ausgerichtete Politiken müssten dann gezielt die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern fördern, die einerseits oft selbst zu den Hungernden zählen, andererseits – mit entsprechenden Ressourcen und Rahmenbedingungen – erfolgreich ackern und so auch Einkommen erzielen könnten. Voraussetzung dafür wären vor allem verlässliche Landnutzungsrechte, Zugang zu Krediten und Beratungsdiensten.

Das ginge dann auch einher mit einer Lebensmittelproduktion, die unbedingt nachhaltiger werden muss. Landwirtschaft gilt global als der größte Verursacher von Umweltschäden. Gewaltige Emissionen, die Degradierung von Böden, die Verschmutzung von Wasser gehören zu den massiven Folgekosten einer Agrarindustrie, die Raubbau an den Ressourcen treibt. Agrarökologische Methoden sind demgegenüber in jeder Beziehung der erfolgversprechendere Weg, die planetaren Grenzen zu achten. Die nationalen Regierungen müssen nur dafür sorgen, dass sie sich auch betriebswirtschaftlich lohnen und die Erzeuger:innen Zugang zu lokalen und regionalen Märkten erhalten.

Diskussion über globale Ernährungspolitik

Die aktuelle Krise wäre jetzt eigentlich die Stunde des Comittee on World Food Security (CFS), um strukturelle Fragen der globalen Ernährungspolitik zu diskutierten. Das 2009 erneuerte Mandat dieses Welternährungsausschusses zielt genau auf mehr Nachhaltigkeit bei der Nahrungsmittelproduktion.

Das CFS gilt als das inklusivste Gremium der internationalen Governance, weil dort auch Indigene, Bauern und Bäuerinnen sowie Fischer:innen repräsentiert sind und ihre Rechte einfordern können. Hier müsste um die Antworten auf das wohl größte Menschheitsproblem gerungen werden. Stattdessen führen die G7 und die exportorientierten Agrarindustrien das Krisenmanagement an. So wird es nichts mit der nötigen Transformation der Ernährungssysteme. (Tobias Schwab)

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