+
Am 9. November 1989 fiel die Mauer - das „Wir“ muss noch gestaltet werden.

Leitartikel

9. November: Erinnern reicht nicht

  • schließen

Standortbestimmung: Dem ausgrenzenden „Wir“ muss man ein inkludierendes Gesellschaftsbild entgegensetzen. Gerade am 9. November.

Haben Sie sich dieser Tage häufiger als Wessi gefühlt? Oder als Ossi? Wurden Sie auf Ihren Migrationshintergrund angesprochen? Oder allgemein darauf, woher Sie eigentlich kommen? Nein? Erstaunlich! Denn rund um den 9. November, häufen sich Jahr für Jahr die öffentlichen Debatten um die Standortbestimmung Deutschlands und der Deutschen.

Leider gehen sie über die üblichen Etiketten geografischer Herkunft selten hinaus. Und tragen deshalb wenig dazu bei, Antworten zu finden auf die entscheidende Fragen: Wer sind wir? In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Genau darum muss es gehen, nicht nur, aber gerade auch an einem 9. November.

„Es gab eine Wiedervereinigung“, sagt die Autorin Manja Präkels, „die zwischen Ost- und Westnazis.“ Ein Satz mit Wucht, der eine direkte Verbindung schafft von den verwaschenen Bildern Sektflaschen schwenkender Menschen auf der Berliner Mauer zu den Schwarz-Weiß-Aufnahmen von brennenden Synagogen 51 Jahre zuvor. Und der gleichzeitig deutlich macht, dass die oft gezeigte Landkarte mit einem AfD-blau gefärbten Ostdeutschland nicht weiterhilft, wenn es um den Kampf gegen erstarkenden Rechtsextremismus geht. Präkels‘ Perspektive ist heute, genau einen Monat nach dem Anschlag von Halle, die richtige. 

Die Sehnsucht nach der großen Party 

Das Verlangen ist groß, heute den 30. Jahrestag einer friedlichen Revolution zu feiern, einer Sternstunde der Demokratie, die Menschen zusammenbrachte und Bürgerrechte erstritt. Es gibt so wenig positive Erzählungen in der deutschen Geschichte, da will so mancher sich die Party nicht verderben lassen.

Weder durch diejenigen, die bei der großen kapitalistischen Transformation auf der Strecke blieben. Noch durch jene, für die 1989 vor allem den Beginn der „Baseballschlägerjahre“ markiert, wie „Die Zeit“-Autor Christian Bangel den Neonaziterror der 90er Jahre in den damals noch neuen Bundesländern nennt.

Wir dürfen diesem Verlangen nach einer großen Jubiläumsfeier nicht nachgeben, weil das Grauen von 1938 heute so greifbar und real ist wie lange nicht. Die Freude über das Ende des autoritären, menschenfeindlichen DDR-Regimes lenkt zu sehr ab davon, dass der Kampf gegen die Demokratie- und Menschenfeinde von rechts 30 Jahre später noch immer nicht mit der Entschiedenheit geführt wird, die nötig ist.

Oskar Lafontaine zum Mauerfall:Meine Prognose ist leider eingetreten“. 

Lange Liste rechtsterroristischer Gewalttaten seit 1945

Der Blick auf deutsche Landkarten mit einem Osten, der entweder AfD-blau oder Hartz-IV-rot gefärbt ist, täuscht darüber hinweg, dass das ganze Land – BRD, DDR und vereinigtes Deutschland – eine lange Liste rechtsterroristischer Gewalttaten seit 1945 vorzuweisen hat, die viel zu lange zu wenig beachtet wurde.

Dass Neonazis sich transnational bewaffnen und vernetzen. Dass ein Mörder vom anderen Ende der Welt als Vorbild für einen Antisemiten in Sachsen-Anhalt dient. Dass die Baseballschlägerträger der 90er Jahre heute womöglich in baden-württembergischen Bundeswehrkasernen oder in hessischen Polizeirevieren sitzen. Dass in München geborene Neonazis im Brandenburger Landtag Politik machen. Und dass jemand, der im Stadtparlament Frankfurt/Main als CDU-Mann seine Karriere startete, heute als Vertreter einer rechtsradikalen Partei in Talkshows und sozialen Medien gegen all jene hetzt, die in seinem „Wir“ keinen Platz haben. 

Dem „Wir“ etwas entgegensetzen 

Diesem „Wir“, das nur in der ausgrenzenden Dichotomie mit „die anderen“ funktioniert, muss man ein eigenes, inkludierendes Gesellschaftsbild entgegensetzen. Die alten Ost-West-Deutsche-Ausländer-Schubladen, die Klischees vom Jammerossi und vom Besserwessi helfen dabei nicht.

Um die deutsche Einheit überhaupt zu würdigen, braucht es die Vielheit der Stimmen. Was haben türkische Gastarbeiter in Herne empfunden, als Günter Schabowski seinen berühmten Satz las?

Wie lebte es sich als Jüdin in der DDR? Und wie lebt es sich als linke Aktivistin heute in Anklam? Wie fühlt sich Armut an in Rostock, in Pirmasens, in Mödlareuth?

Diese vielfältigen Perspektiven, diese Erzählungen schaffen es nicht von allein in die große Öffentlichkeit. Sie brauchen ein staatlich finanziertes Netzwerk zivilgesellschaftlicher Organisationen und Plattformen.

Initiativen wie „Wir sind der Osten“, die mit Erfolgsgeschichten von Grenzgängerinnen und Mauerüberwindern gegen das Vorurteil vom verbitterten Ostbürger antönt, sind ein gutes Beispiel. Netzwerke migrantischer Autorinnen und Autoren sind ein weiteres. Die vielen Programme zur Demokratiebildung ebenfalls.

Nicht zuletzt braucht es dafür Medien, die sich aufwendige Recherchen und umfangreiche Gespräche leisten können. Die auch dann noch aus dem von Wegzug bedrohten ländlichen Raum oder von alltäglichen Anfeindungen in der Kleinstadt berichten, wenn der Tross der Hauptstadtjournalisten längst weitergezogen ist.

Aus dem Plädoyer für eine Vielschichtigkeit des Erinnerns und der Perspektiven auf die aktuelle Gesellschaft folgt zwangsläufig die entschiedene Auseinandersetzung mit all jenen, die Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit das Wort reden. Wir müssen das „Wir“ gemeinsam gestalten – für eine Gesellschaft ganz ohne Mauern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare