Kolumne

Notwendiger Nachtrag

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Mir fehlen die Zwischenrufe von Peter Rühmkorf. So etwas wie: „Bleib erschütterbar und widersteh.“

Auf diese Ausstellung im Hamburger Altonaer Museum habe ich mich gefreut: Peter Rühmkorf zum Neunzigsten. Schon der Titel „Lass leuchten!“ – entlehnt einem seiner Gedichte – weckt Erwartungen. Kompliment an die Ausstellungsmacher. Es ist nicht einfach, das Werken und Wirken eines Dichters wie Rühmkorf in einer Ausstellung so einzufangen, dass die Neugierde nicht in der Masse des zelebrierten Materials ertrinkt. Denn Stunden, wenn nicht Tage könnte man in den verschiedenen Räumen mit heruntergedimmter Beleuchtung verbringen.

Die Medien würdigten die Ausstellung gebührend – was nicht selbstverständlich ist. Eher beiläufig in „Der Spiegel“, geradezu euphorisch und üppig in der „FAZ“ unter der hübschen Überschrift „Der Wortschnuppenfänger“. Geradezu schwelgerisch wird vor allem der Lyriker P. R., den seine Freunde gerne Lüngi nannten, gewürdigt und gefeiert.

Doch wird – wie oft bei Verehrern – manches ausgeblendet. Was mir in der Besprechung fehlt, ist der andere Rühmkorf, der politisch wache Staatsbürger, der citoyen engagé, der sich nicht scheute, den Mund aufzumachen, wenn es darum ging, „mehr Demokratie zu wagen“. Die Ausstellung versteckt diesen Streiter gegen alles Miese und Fiese nicht etwa. So zu sehen an einer ganzen Wand mit den verschiedensten Plakaten und Flugblättern aus kämpferischen Tagen.

Darunter auch zwei Poster, die an die Aktion „Wir arbeiten nicht für Springer-Zeitungen“ in den frühen 80er Jahren erinnern. Wir haben diese Kampagne, die sich im Wesentlichen gegen die „Bild“-Zeitung richtete, zusammen mit Günter Grass, Heinrich Böll und Günter Wallraff für notwendig gehalten, weil vor allem die Blätter aus dem Hause Springer im politischen Meinungskampf eine zerstörerische Kraft entwickelten, der wir etwas entgegensetzen wollten.

Immerhin zitiert die „FAZ“ Rühmkorfs Credo: „Bleib erschütterbar – und widersteh.“ Darum ging es und geht es. In einer Zeit, in der die Demokratie in diesem unserem Lande wieder einmal gefährdet erscheint, verwende ich oft das Zitat, um das Gefahrenbewusstsein zu stärken.

Denn Rühmkorf war auch der öffentliche Poet, den es immer wieder ins Offene zog. Daran erinnert eine Postkarte: der Dichter bei einer Lesung vor dem Mikrofon im legendären Hamburger St.-Pauli-Stadion. Er wollte die Welt mit Poesie besser machen. Dass derlei Vorhaben gemessen an einer Erfolgsskala kaum sichtbar sind, ist ihm nicht anzulasten.

Mir fehlen seine Zwischenrufe. Weil er seinen Namen unter einem Aufruf der Aktion für mehr Demokratie im März 1999 nicht fand, schrieb er mir: „Du bist doch im Besitz der doppelten Unterschriftenlizenz, also, warum steh ich nicht schon drunter?“

Im Oktober 1993 bekam ich per Post einen „Gruß an Staecken! Um den alten Recken mitzuzocken, aufzuwecken – Lieber Freund, komm wieder in die Socken. Nur gemeinsam lässt sich was verrücken / hoch die Backen, / steif den Rücken, / gib den schlechten Rechten / ordentlich zu schlucken!“

Peter und Eva Rühmkorf können im Kampf gegen die vermeintliche Alternative für Deutschland nicht dabei sein. Aber seine Texte und vor allem die Gedichte bleiben eine schier unerschöpfliche Kraftquelle.

Dass Rühmkorf durchaus von dieser Welt war, belegt ein Satz auf einer anderen Postkarte, die ich im Museumsshop erworben habe: „Zu wahr, um schön zu sein: Auch der Feingeist muss fressen.“

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