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Die Europäische Zentralbank in Frankfurt.

Treffen der Zentralbanken

Der notwendige 15-Billionen-Dollar-Kredit

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Finden Vertreter der Zentralbanken bei ihrem Treffen Mittel, mit denen sie die lahmende Weltkonjunktur ankurbeln können? Der Leitartikel.

Wäre der Kapitalismus eine Religion, die Zentralbanken wären seine Kirchen. Sie hausen in beeindruckenden Gebäuden, die Worte ihrer Vertreter bewegen die Welt, die Exegese der Worte ist ein eigener Berufsstand. Zentralbanken hüten das Heiligste, das Geld, sie umgibt die Aura von Autorität und Geheimnis. Am heutigen Donnerstag treffen sich die Hohepriester des globalen Geldes im US-amerikanischen Ski-Ort Jackson Hole, um dort das Mysterium der aktuellen Lage zu ergründen. Das Rätsel, dem sie sich widmen, sagt vieles aus über den Stand der Weltwirtschaft.

Das globale Wachstum, um das sich alles dreht, lässt zu wünschen übrig. Zehn Jahre nach Beginn der großen Krise läuft die Konjunktur zwar, allerdings ungewöhnlich schwach. Die Produktivität steigt kaum noch. Die großen Unternehmen verdienen zwar gut, investieren aber nicht. Auch die Löhne legen kaum zu. Staaten, private Haushalte und Firmen schieben große Schuldenberge vor sich her. Zudem ist die Inflation niedrig, was Zentralbanker beunruhigt. Für sie ist die Inflation ein Zeichen dafür, wie frei Firmen sind, ihre Preise zu erhöhen, sprich: wie gut das Geschäft läuft.

Beunruhigend ist, dass die Weltwirtschaft schwächlich bleibt, obwohl die Zentralbanken sie mit bisher nie da gewesenen Maßnahmen unterstützen. So haben sie in den vergangenen Jahren massiv Schuldpapiere von Staaten und Unternehmen aufgekauft. Die Zentralbanken der USA, Japans, Großbritanniens, der Eurozone, Schwedens und der Schweiz haben ihre Bilanzen auf 15 Billionen Dollar aufgepumpt. Das sind 15 000 Milliarden Dollar. Ziel war es, dadurch das Zinsniveau zu senken und so die Konjunktur zu fördern. Als Nebeneffekt ermöglichten die niedrigen Zinsen hoch verschuldeten Staaten und Firmen das finanzielle Überleben.

Die 15 Billionen Dollar sind ein gigantischer politischer Kredit an die Weltwirtschaft. Um ihn zu vergeben, schaffen die Zentralbanken Geld aus dem Nichts und leihen es de facto Staaten, Firmen und Banken. So halten sie inzwischen jede fünfte Anleihe ihrer Regierungen. Die Zentralbanken setzen sich damit an die Stelle der privaten Gläubiger, denen sie die Papiere abkaufen. „Gedeckt“ sind die Billionenkredite nicht durch die Erwartung einer florierenden Weltwirtschaft. Nötig werden sie, weil die Konjunktur nicht so recht läuft. Ausgangspunkt der neuen Zentralbank-Billionen ist ökonomischer Misserfolg.

Die bange Frage, die die Zentralbanker nun in Jackson Hole besprechen, ist die nach dem Ausstieg: Können sie langsam damit beginnen, die Billionen wieder zurückzuholen, indem sie Schuldscheine wieder an die Finanzanleger verkaufen? Dies würde einer Reprivatisierung der Schulden entsprechen, und niemand weiß, ob dadurch die Zinsen steigen und ob die globale Konjunktur das überhaupt aushalten würde. Oder anders gesagt: Niemand weiß, ob die Weltwirtschaft stark genug ist, um die Renditeforderungen der privaten Anleger zu erfüllen, vor denen sie die Zentralbanken derzeit abschirmt.

Das ist die Lage. Eigenartig hingegen ist die Interpretation dieser Lage in Deutschland. So wird hierzulande die „Enteignung der Sparer“ durch die niedrigen Zinsen beklagt – als besäßen Gläubiger ein Anrecht auf ansprechende Rendite, unabhängig von der Lage.

Andere Kritiker sehen in den Anleihekäufen der Zentralbanken einen marktwidrigen Eingriff in die Finanzsphäre. Dies ist einerseits sicherlich richtig. Andererseits gehen die Kritiker offensichtlich davon aus, die Finanzmärkte würden aus sich heraus schon ein Gleichgewicht finden, und übersehen dabei, dass es nur die Zentralbanken sind, die den Markt vor dem Zusammenbruch bewahrt haben.

Dazu gesellt sich die Warnung, die Billionen der Zentralbanken könnten Preisblasen an den Märkten fördern. Das mag sein, doch bleiben diese Kritiker die Antwort auf die Frage schuldig, was die Zentralbanken sonst tun sollten. Schon leise Andeutungen, sie könnten ihre Anleihekäufe zurückfahren, führen zu Schwankungen an den Märkten.

Und schließlich verweisen Kritiker darauf, das Geld der Zentralbanken würde eine unsolide Schuldenwirtschaft in anderen Ländern unterstützen, während das Beispiel Deutschland doch zeige, wie man solide wirtschaften kann. Ausgeblendet wird dabei, dass der Erfolg der deutschen Wirtschaft auf den Schulden der anderen beruht. Eine Ökonomie, die 40 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung, 70 Prozent ihrer Maschinen- und drei Viertel ihrer Autoproduktion exportiert, lebt von ausländischer Nachfrage. Bricht die ein, ist Deutschlands Solidität dahin.

Die Maßnahmen der Zentralbanken beinhalten große Risiken, und es wäre besser, wären sie nicht nötig. Doch die Kritiken aus Deutschland sind nicht hilfreich. Sie hindern die EZB daran, das zu tun, was die anderen Zentralbanken auch tun – nämlich alles, was nötig ist, um die Lage zu stabilisieren. Der Kapitalismus ist keine Religion und die aktuelle Krise keine des Glaubens.

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