Kolumne

Wenn das dicke Ding brennt

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Die Bilder von Notre-Dame weckten Erinnerungen an das alte Paris. Das neue ist wie das neue Europa. Wenige immer Reichere, viele immer Ärmere.

Eigentlich war das nichts Neues für mich. Beobachtete ich doch als Jüngling, wie in Pirmasens die katholische Kirche St. Anton abbrannte. Eine gewaltige Rauchsäule stand über der Stadt, sogar die US-Army half mit schwerem Gerät beim Löschen, sogar die Buslinie zum Weisshof war umgeleitet, sogar das Kirchenschiff stürzte in sich zusammen, sogar die Gesellen der Metzgerei Kuhn unterbrachen das Wursten und standen blutgeschürzt schweigend auf dem Trottoir. Und ich verzichtete sogar auf mein Mittagessen. Meine kleine Pirmasenser Welt stand für einen Nachmittag still.

Ist meine Welt heute größer? Nein. Anders. Aber der Brand von St. Anton hat mich so nachhaltig beeindruckt, dass ich mich in der letzten Woche sofort daran erinnerte. „Notre-Dame brennt“, sagte mir ein Nachbar. Schlagartig stieg ein anfangs leises, dann immer stärker pochendes Gefühl eines lähmenden Entsetzens in mir auf. Es war ein ganz spezielles, wie ich es nur von seltenen, scheinbar willkürlich ausgesuchten Momenten her kenne. Das Olympia-Attentat 1972 gehört dazu, der Fall der Mauer, die Ermordung Olof Palmes – und auch der Tod Fritz Walters. Mein Unterbauch scheint da tatsächlich willkürlich auszuwählen. Am 11. September 2001 verspürte ich anderes.

Doch nun Notre-Dame. Ich war erschüttert – hauptsächlich aber über mich selbst. Wer mich kennt, der weiß, wie zielstrebig mir Gotteshäuser am Hintern vorbeigehen. Nicht wenige Reisebegleiterinnen haben schon vergeblich versucht, mich zum Besuch einer Kirche zu bewegen. Nur einmal habe ich das gemacht, an einem Heiligabend in Spanien – aber nur, weil ich den örtlichen Metzger singen sehen wollte.

Und nun rutschte mir das Herz in die Hose, weil dieses dicke Ding in Paris abfackelte. Was war mit mir? Werde ich im Alter religiös? Nö. Aber ich bin ein Gefühlsdusel. Sofort sah ich Bilder aus Dutzenden Filmen vor mir, die allesamt mit Amourösem zu tun haben. Liebende im Vordergrund, die dicke Dame dahinter. Ich roch Paris. Schlabberige Hotelzimmer mit durchvögelten, verwanzten Betten, Blümchentapeten und Bidets, verräucherte Jazzclubs, Croissants, Austern, Sancerre. Allerdings war es ein altes Paris. Das neue Paris ist wie das neue Frankreich und das wie das neue Europa. Wenige immer Reichere, viele immer Ärmere. Unmut, Verdrossenheit, Populistenhörigkeit.

Dann zeigte sich ein Unterschied zu Deutschland. Ein bei uns aus guten Gründen schwer nachvollziehbarer Nationalstolz verhalf den Franzosen für kurze Zeit zu Brüderlichkeit und einem Hauch von Gleichheit. Man trauerte gemeinsam um Notre-Dame, fühlte sich verbunden, Reiche spendeten, Arme sangen.

An der Situation in Frankreich wird das nichts ändern. Wohlhabende werden ihr Geld nach wie vor nicht an Bedürftige verteilen, die Unzufriedenen in gelben Westen strömten nach kurzem Innehalten wieder auf die Straße und forderten mehr soziale Gerechtigkeit.

Und Präsident Emmanuel Macron will am kommenden Donnerstag mal wieder eine Reform verkünden. Möge er seinem Volke begreiflich machen können, dass das französische Problem ein europäisches ist – das auch nur gemeinsam gelöst werden kann. Der Brand der dicken Dame löste schließlich auch eine gesamteuropäische Betroffenheit aus. Vielleicht war er ja für etwas gut.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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