Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

My first rifle: In Kentucky erschießt ein Fünfjähriger mit einem Kindergewehr seine kleine Schwester.
+
My first rifle: In Kentucky erschießt ein Fünfjähriger mit einem Kindergewehr seine kleine Schwester.

Kolumne

Normaler Kollateralschaden

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
    schließen

Letzte Woche erschoss in Kentucky ein Fünfjähriger eine Zweijährige. Warum nur war die Kleine nicht bewaffnet?

Eigentlich geht es mich ja nichts an, wie es bei anderen Leuten so zugeht. Dennoch fragte ich vor bald 30 Jahren bei der Deutschen Bundesbahn an, ob es denn möglich sei, am Heiligabend auf dem Führerstand einer Güterzuglokomotive mitzufahren. Möglichst weit, von Hamburg nach München oder so. Ich wollte einfach so neben dem Lokführer sitzen. Zwei Männer rattern mit zweitausend Tonnen schweigender Güter durch die heilige schwarze Nacht.

Ich hätte die vielen bunt beleuchteten Fenster gesehen und mir ausgemalt, was in all diesen Wohnungen wohl so geschieht. Hätte mir Geschichten ausgedacht, schöne, spannende, lustige und widerliche. Je nachdem. Giordano Bruno soll einmal gesagt haben: „Se non è vero, è ben trovato“. Wenn es nicht wahr ist, ist es schön erfunden. So hätte ich mir das vorgestellt. Die Deutsche Bundesbahn hingegen war anderer Meinung. Wenn ein Gast auf einer Lok mitfahre, müsse ein zweiter Lokführer danebensitzen, und für so einen Schwachsinn, wie ich ihn vorhabe, könne man das an Weihnachten keinem Kollegen zumuten, wurde mir beschieden. In freundlicheren Worten halt.

Weiße Füße in Flip-Flops

Ich war enttäuscht. Heute denke ich, das war wohl gut so. Giordano Bruno haben die Katholiken auf dem Scheiterhaufen verbrannt; wer weiß, was sie mit mir gemacht hätten.

Außerdem sieht man ja jetzt im Privatfernsehen, wie es bei den Leuten daheim so zugeht, und grauslicher kann selbst ich mir das mit meinem reichen Schatz an Fantasie nicht ausmalen. „Nichts ist erregender als die Wahrheit“, meinte einst Autorengott Egon Erwin Kisch. Ich würde heute noch anfügen: „Und deswegen möchte ich die Wahrheit gar nicht mehr wirklich erfahren“.

Wenn man viel erlebt hat, wird man geschmäcklerisch. Ich möchte zum Beispiel nicht mehr die winterweißen Füße von Männern in Flip-Flops sehen. Vorgestern pellten sie wieder ihre Mauken aus. Wie albinotische Lemminge watschelten sie zu Tausenden durch die Stadt. Widerlich! Ich will das nicht sehen! Das ist mir zu privat!

Die Waffenlobby betet mit

Dennoch werde ich immer wieder gezwungen, mir auszumalen, wie es bei anderen Leuten so zugeht. Letzte Woche zum Beispiel musste ich mir unweigerlich einen Kindergeburtstag vorstellen. Es wurde im November vergangenen Jahres im Örtchen Cumberland in Kentucky gefeiert. Der kleine Jacob – nennen wir ihn mal so – wurde fünf, und seine Eltern schenkten ihm, was er sich gewünscht hatte: ein echtes Gewehr der Marke „My First Rifle“. Kaliber 22 mit 5,6 Millimetern. Ich stelle mir vor, wie sich der kleine Jacob gefreut hat. Die ganze Familie hatte strahlende Augen, auch – nennen wir sie – Sophia, seine damals einjährige Schwester.

Was dann passierte, ist bekannt. Letzte Woche streckte Jacob Sophia nieder. Jetzt stelle ich mir vor, wie die verzweifelten Eltern die Selbstvorwürfe quälen. Ich stelle mir vor, wie die Nation für die Eltern betet, auch die National Rifle Association (NRA) betet mit. Und ich stelle mir vor, wie sie alle ins gleiche Horn stoßen: Der Vorgang selbst ist tragisch, doch mit Kollateralschäden kennt man sich aus in den USA. Aber wie konnten Gott und die Eltern es nur zulassen, dass Sophia unbewaffnet war? Es wäre zum Showdown gekommen, in Kentucky ein ganz normaler Vorgang. So aber hatte die Kleine keine Chance. What a shame!

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare