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Rosenmontagszug in Düsseldorf.

Kolumne

Alles hat sich verändert – bis auf den Karneval

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Früher war alles anders. Die Fastnacht durchbrach den überschaubaren Alltag. Nun sind die tollen Tage ein Hort der Normalität.

Eigentlich – ich erwähne es bereits an dieser Stelle – bin ich kein Freund von Karneval, Fasching, Fastnacht oder wie das auch je nach Region heißt. Menschen gehen in Mehrzweckhallen, geben ihre Verdrießlichkeit an der Garderobe ab und setzen sich einen lustigen Hut auf, um nach drei Stunden Schunkeln ihre mausgraue Alltäglichkeit wieder gegen ein Märkchen zurückzutauschen.

So war das früher, und für mich der entscheidende Grund, die sogenannten tollen Tage nicht zu mögen. Es war in einer Zeit, als Kriegsgefahr ausschließlich von den Amis und den Russen ausging und die Parteienlandschaft nur aus CDU und SPD mit dazwischen ein bisschen FDP bestand.

Gegessen wurde, was auf den Tisch kam, Allergien, Intoleranzen und Unverträglichkeiten waren unbekannt, genauso wie Cholesterin. Mit einem Hauptschulabschluss konnte man einen ordentlichen Beruf erlernen, „Burnout“ hieß „Depression“, „Fun“ war Spaß und „Megafun“ Riesenspaß.

Wer abnehmen wollte, aß halt weniger und zog sich einen „Trainingsanzug“ an, machte „Trimm Dich“ oder „Dauerlauf“ – und verlor damit genauso wenig an Gewicht wie die heutigen Dicken mit „Personal Trainer“, Hungerhypnose und „Weight-Watchers“-Hörigkeit.

Wer eine Nase hatte wie ein verrosteter Förderturm, der hatte halt eine Nase wie ein verrosteter Förderturm, denn die plastische Chirurgie war ausschließlich Unfallopfern und Superreichen vorbehalten. Letztere waren auch die Einzigen, die auf Kreuzfahrt gingen, in ferne Länder flogen, dicke Autos fuhren, Austern aßen und Champagner tranken.

Psychotherapie kannte man nicht mal aus amerikanischen Filmen, die Eisenbahn kam pünktlich und hatte zu öffnende Fenster, verkaufte drollige kleine Pappkärtchen, redete nicht vom Wetter, und „ein alter Mann war schließlich kein D-Zug“.

Telefone hatten Gabeln, Fernsehprogramme einen Sendeschluss, Maurer Bierdurst, Mandarinen Kerne, Frauen Achselhaare, Versandhäuser Kataloge, Schweine Speck und Autos Aschenbecher. Außerdem waren Pfarrer, Polizisten und Politiker geachtete Persönlichkeiten, trugen Badende Kappen und piepsten Lastwagen nicht beim Rückwärtsfahren.

Das alles war anders als heute. Nicht besser, aber überschaubarer. Unsere Gesellschaft ist verworrener geworden, uneinschätzbarer und für viele beängstigender. Alles hat sich verändert – bis auf den Karneval. Er ist das Einzige, was weitgehend beim Alten geblieben ist.

Er ist einer der letzten Horte der aufgeräumten Normalität, er strahlt eine wohlige Spießigkeit aus, ähnlich wie Hausmannskost, Wanderlust und „Vintage“-Klamotten. Die wahren tollen Tage hingegen sind heute immer – außer von Altweiberfastnacht bis Aschermittwoch.

Da herrscht sechs Tage lang geordnet organisierter Frohsinn, da kennt Witzigkeit kein Pardon – während in der übrigen Zeit des Jahres alles außer Rand und Band geraten ist und jeder meint, machen und lassen zu können, wonach ihm gerade ist – und dies bedauerlicherweise auch tut.

Es kann also gut sein, dass ich im nächsten Jahr den kleinen, närrischen Biedermann in mir wecke, mir einen lustigen Hut aufsetze und mich einem Karnevalsverein als Mitglied im Elferrat antrage.

Aber ob die mich dort wollen? Ich müsste halt meinen Humor ändern. Welchen Humor? Geht doch. Helau!

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