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Nordmenschen, Mordmenschen

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Von: Tom Schimmeck

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Jahrelang haben uns die Skandinavier mit Mord und Totschlag amüsiert. Aber jetzt wird es ernst. Szenen eines Untergangs.

Als die nahezu leere Fähre unter einem Himmel aus Schiefer in Trelleborg anlegte, stand da ein einsamer Arbeiter, um die Taue um die Poller zu schlagen. Die kleine Touristenschar eilte neugierig von Bord. Alle trugen T-Shirts mit dem Aufdruck „Geistertour 2020“. Der Hafen schien menschenleer. Genau wie die Stadt.

Nur an der Bar eines heruntergekommenen Hotels in der Strandgatan hockten noch ein paar Gestalten: die Kommissare Beck, Winter, Van Veeteren – einsame Wölfe, müde, geschieden, mit grauen Bartstoppeln und leerem Blick. Neben ihnen die nette Irene Huss, der resolute Johan Falk, umringt von den blutenden Resten seiner Spezialeinheit. Und Kurt Wallander, dank Linda ein letztes Mal aus seiner Umnachtung erwacht. Aus Kopenhagen waren Carl Mørck und Kommissarin Lund gekommen, aus Oslo Hanne Wilhelmsen und Harry Hole. Er trank wieder. „Skandinavien“, raunzte er mit schwerer Zunge, „ist ausgerottet“.

Zerhacken, skalpieren, vergiften

Die nächste Fähre nach Deutschland wollten die Kriminalisten nehmen. „Da gelten wir noch was“, meinte Lund mit gewolltem Optimismus. „Aber die“, Beck zeigte mit dem Daumen rückwärts auf die Tür zum Hinterzimmer, „die lassen uns nicht.“ Im verqualmten Saal hinter der Tür lärmten ihre Schöpfer. „Ihr Idioten“, rief Maj Sjöwall, „habt das Volksheim Schweden angezündet.“ Mankell und Nesser schwiegen betreten. Stieg Larsson und Per Wahlöö nickten aus dem Jenseits. Nur Liza Marklund zeigte ihr lachend den Stinkefinger. „Es war doch ein Bombengeschäft“, warf der Däne Adler-Olsen ein. Dahl, Edwardson und Larsson nickten. „Dein verdammter Kitsch“, wetterte Leif G.W. Persson und fixierte Camilla Läckberg. „Deine Altherren-Pisse“, geiferte sie zurück.

Wer hätte auch ahnen können, dass im schönen Skandinavien, dieser rundum gesitteten, gebildeten, gerechten Idylle mit einer der niedrigsten Mordraten der Welt, das literarische Mord-Fieber Wirklichkeit werden würde? Dass diese friedvollen Nordmenschen eines schrecklichen Tages zu jenen Auftragskillern, Triebtätern, Mafiosi, Sadisten, Schlägern und Serienmördern mutieren könnten, die ihre Bestseller bevölkerten? Und einander tatsächlich vergiften, niedermähen, zerhacken, skalpieren, ans Kreuz schlagen würden? Kurz nachdem Ikea sich in die Niederlande verzogen hatte, Volvo chinesisch geworden und der letzte Saab kaputt gegangen war.

Fjorde voller Leichen

Durch die beschlagenen Scheiben ihres gepanzerten Busses bestaunten die Gäste der „Geistertour 2020“ das Ausmaß der Verwüstung. Überall geplünderte Geschäfte, Autowracks. Keine Seele mehr in Ystad, in Fjällbacka. Im stockdunklen Stockholm nahmen sie Reißaus vor ein paar zerlumpten Gestalten. „Zum Ende hin mussten die Mörder sich mangels Opfern gegenseitig umbringen“, erklärte der Reiseleiter über den Bordlautsprecher. „Einigen blieb nur der Selbstmord.“ Die Fjorde weiter westlich waren voller Leichen.

Zurück in Trelleborg fand die Reisegruppe in der Strandgatan nur mehr eine schwelende Ruine vor. Estnische Gangster hatte alle Ermittler und ihre Schöpfer mit ihren Schnellfeuergewehren ausgelöscht und das Hotel gesprengt. Auf der Flucht war ihr nachtschwarzer Lieferwagen frontal gegen eine Betonmauer geprallt. Die Untergangstouristen eilten auf die Fähre und atmeten auf.

Kurz nach dem Ablegen versank das Schiff in der Ostsee.

Tom Schimmeck ist Autor.

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