Leitartikel

Nötige Inszenierung

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Das Gelöbnis vor dem Reichstag mag irritieren. Es ist aber richtig zu zeigen, dass die Bundeswehr nicht einfach ein Land, sondern vor allem einen Rechtsstaat und eine Demokratie verteidigt.

Das jüngste Gelöbnis der Bundeswehr war vieles, nur eines war es sicher nicht: öffentlich. Die Rekruten schworen ihren Eid vor dem Reichstag, vor der Verteidigungsministerin, vor Parlamentariern, Bischöfen, Verbandsvertretern und Familienangehörigen und vor der Presse. Die weitere Öffentlichkeit – zufällige Passanten und Interessierte, Kritische wie Neugierige – blieben außen vor: Das Reichstagsgelände war weiträumig abgeriegelt, die Zufahrtsstraßen blockiert.

Die Soldaten als Bürger in Uniform, die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer Rede als „unverzichtbaren Teil der Gesellschaft“ hervorhob, blieben in dieser streng choreographierten Zeremonie ausgerechnet für eben diese Gesellschaft unsichtbar. Es drängt sich der Verdacht auf, dass es bei dem allenfalls semi-öffentlichen „Öffentlichen Gelöbnis“ nicht zuletzt um eines ging – um eindrucksvolle Bilder. Soldatinnen und Soldaten vor einer Reichstagskulisse machen nun mal mehr her als vor Kasernenwänden oder im Hof des Verteidigungsministeriums.

Für eine Ministerin, die sich sichtbar machen will, ist so ein Anlass eine praktische Sache. Wo die Kulisse anfängt und wo sie aufhört, ist da die Frage.

Um eines ging es allerdings wohl auch: um eine symbolische Anerkennung der Arbeit der Soldaten durch die festliche Würdigung der Berufsanfänger. Eine Zeremonie mit einer improvisationsfreien Mischung aus Marschmusik, zackig-eckigen Bewegungen, gebrüllten Eidesformeln und langem Stehen bei kalten Temperaturen mag wie ein seltsamer Festakt anmuten. Dem militärischen Ästhetik-Empfinden entspricht sie aber durchaus.

Für Irritationen sorgt so eine Veranstaltung dennoch: Bei denen, die die Bundeswehr grundsätzlich ablehnen, ist das nur logisch. Aber auch andere fühlen sich von Stiefelknallen, Befehlston, Zurschaustellen von Waffen, Uniformreihen nicht nur anheimelnd berührt – auch wenn das Militär sich in Deutschland ohnehin vergleichsweise bescheiden präsentiert. Panzerparaden wie etwa auf den Pariser Champs Elysées kommen hierzulande nicht infrage.

Es ist kein Manko und auch keine Respektlosigkeit, sondern beruhigend, dass das Militär in Deutschland keine Jahrmarkt-Stimmung auslöst, sondern mit einer gewissen Distanz und Zurückhaltung betrachtet wird. Es bedeutet, sich einen kritischen Blick zu behalten ohne notwendigerweise die Arbeit der Bundeswehr, auch die einzelnen Soldaten zu entwerten.

Die Bundeswehr lässt sich begreifen als robustes Instrument in internationalen Konfliktlösungen, als Organisatoren, Mittler und neutrale Kräfte zwischen Streitenden, sofern die Einsätze defensiven Charakter haben und ein Mandat sowohl der internationalen Gemeinschaft als auch des Bundestags. Die doppelten Kontrolllinien sind zentral, auch wenn sie zuweilen verschwimmen. Und sie müssen auch im Mittelpunkt stehen, wenn der Fokus nun wieder mehr auf Europa rückt.

Zentral ist dabei auch, dass sich die Soldaten als „Bürger in Uniform“ begreifen und auch als solche gesehen werden. Der Begriff mag abgegriffen klingen, aber er beschreibt eben das Wesentliche: Die Armee mag eine eigene Welt sein, mit bestimmten Gesetzmäßigkeiten und speziellen Umgangsformen und einem besonderen Teamgeist, der zum Teil ins Elitäre abgleiten kann – und mit dem Tod als Berufsrisiko. Aber sie steht nicht außerhalb der Demokratie, sondern ist ein Teil davon.

Es schadet mit Sicherheit nicht, dies zu betonen und zu befördern. Anerkennung tut jeder Berufsgruppe gut, und den besonders belasteten erst recht. Zu denen gehören Soldaten zweifellos.

Es ist also richtig und wichtig, ihnen zu zeigen, dass sie Teil eines Ganzen sind, damit nicht das Elitäre, das Außenseitergefühl wächst und die Truppe zum Selbstzweck macht oder zur leichten Beute für antidemokratische Kräfte. Es ist auch richtig, immer wieder das Bewusstsein zu schärfen dafür, was da verteidigt wird: nicht einfach nur ein Land, sondern vor allem auch ein Rechtsstaat und eine Demokratie.

Inszenierungen wie die vor dem Reichstag mögen dabei helfen. Aber nicht der Pomp ist entscheidend, sondern der tägliche Umgang. Eine verlässliche Sicherheitspolitik ohne Abenteurerlust ist dafür die Basis.

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