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Ein charismatisches Duo ist nicht genug für die Grünen.
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Ein charismatisches Duo ist nicht genug für die Grünen.

Habeck und Baerbock

Und noch strahlen sie, die Grünen

  • Markus Decker
    VonMarkus Decker
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Die Grünen haben ein attraktives Duo an die Spitze der Partei gewählt. Aber was, wenn Robert Habeck und Annalena Baerbock Position beziehen müssen? Der Leitartikel.

Wollte eine Partnervermittlungsagentur ein Beispiel für den Erfolg der eigenen Arbeit präsentieren, dann könnte sie Fotos wie jenes aus Hannover verwenden: Im Congress Centrum der Stadt zeigten sich ein Mann und eine Frau, die in allem sehr stimmig wirkten. Dabei haben Annalena Baerbock und Robert Habeck dort nicht etwa geheiratet. Sie wurden nur an die Spitze einer rund 65.000 Mitglieder starken Partei namens Bündnis 90/Die Grünen gewählt. 

Es ist überdies theoretisch denkbar, wenn auch nicht wahrscheinlich, dass die Delegierten das Paar bei der nächsten Wahl in zwei Jahren wieder trennen. Mindestens bis dahin aber haben sie ein charismatisches Duo an die Spitze gesetzt und damit jene Erneuerung vollzogen, die anderen Parteien noch bevorsteht.

Habeck vor entscheidender Bewährungsprobe

Nun sind Optik und Harmonie in der Politik durchaus wichtig. Auch sind die Neuen nicht bloß relativ jung. Sie sind überdies schon einigermaßen erfahren, haben Herz und Verstand. Und: Sie können eine Partei übernehmen, die ihre inneren Widersprüche anders als Sozialdemokraten und Linke zu moderieren weiß und in den Jamaika-Sondierungen einen Reifeprozess durchlaufen hat. Doch das alles und der Appeal von Aufbruch sind keine Garantie dafür, dass es so weitergeht – oder gar dafür, dass die Grünen die taumelnde SPD wie erhofft als kleine Volkspartei ablösen werden. 

Insbesondere der Bundeshoffnungsträger Habeck steht vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Das gilt zunächst persönlich. Seit der 48-Jährige 2002 in die Partei eintrat, ist ihm alles zugefallen: der Vorsitz in Schleswig-Holstein, das Amt des Fraktionschefs, die Ministerkarriere. Bei der Urabstimmung über die Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl lag er mit lediglich 75 Stimmen hinter Cem Özdemir. Im Vorfeld der Entscheidung über den Parteivorsitz auf Bundesebene haben andere Interessenten ihre Ambitionen in dem Augenblick zurückgestellt, als Habeck sich erklärt hatte. 

Dieses Übermaß an Erfolg ist nicht immer gut, auch für den Gehypten nicht. An manchen Tagen scheint er ein bisschen abzuheben. Das Begehren nach einer Satzungsänderung war ein Indiz dafür. Niemand sonst hätte sie bekommen. Die Eingangsbemerkung, er wolle „Pi mal Daumen“ noch ein Jahr im Amt bleiben, war reichlich leger. Selbst in Hannover hat sich Habeck nicht die Mühe gemacht zu begründen, warum er sie eigentlich braucht. Stattdessen hat er gesagt: Wenn ich die Satzungsänderung nicht kriege, mache ich es nicht. Das war am Rande der Hybris.

Habecks politische Verortung ist diffus

Politisch wird es für den Mann aus dem Norden ebenfalls nicht einfacher. Er hat fraglos Qualitäten, die andere nicht haben. Die herausragende besteht darin, dass er den Leuten Lust auf Politik machen kann wie derzeit kein zweiter Politiker in Deutschland. Da verbreitet einer den Optimismus, dass es im besseren Sinne anders werden könnte, und das ist in dieser düsteren Gegenwart und vielleicht dunkleren Zukunft von unschätzbarem Wert. Und diese Qualität potenziert sich noch, wenn Habeck mit Baerbock gemeinsam auftritt. 

Sein Zugang ist jedoch manchmal sehr feuilletonistisch. Das reicht, wenn man noch mehr oder weniger an der Seitenlinie steht und Projektionen auf sich zieht. Es reicht nicht mehr, wenn man als Vorsitzender jeden Tag sehr konkret Stellung nehmen muss zu sehr konkreten politischen Fragen. 

Im Übrigen ist Habecks politische Verortung durchaus diffus. Das hat seine Bewerbungsrede erneut bewiesen. Da zeigte er sich als Umverteiler, dem die Spaltung in Arm und Reich ein Dorn im Auge ist. Als solcher ist er bislang aber nicht aufgefallen. Die Rede erinnerte an Habecks Strategie bei den Urwahlforen. Auch seinerzeit hat er die gesellschaftliche Spaltung beklagt. Als es um die Frage ging, ob die Grünen die Wiedereinführung der Vermögensteuer fordern sollten, hat er indes abgewunken; er wollte nicht über Instrumente sprechen. 

Damit wird Habeck als Parteivorsitzender nicht mehr durchkommen. Nach innen nicht, denn er muss künftig die Flügel einbinden. Und sollte er tatsächlich einen Linksschwenk versuchen, dann wird ihm Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann früher oder später öffentlich signalisieren, dass er das für falsch hält.

Aber auch nach außen würde es schwierig: Die Grünen stehen ähnlich wie die SPD vor dem Dilemma, dass zu viel linkes Profil sie Stimmen in der Mitte kosten könnte – und umgekehrt. Es gilt der Satz von Joschka Fischer, eine Art Ahnherr Robert Habecks: „Die Verwandlung des Amtes durch den Menschen dauert etwas länger als die Verwandlung des Menschen durch das Amt.“ Es wird spannend sein, diesen Prozess zu beobachten. Es wird ebenso spannend sein, zu sehen, ob und wie Baerbock und Habeck einander begrenzen, ergänzen oder beflügeln. So strahlende Fotos wie am Samstag aus Hannover wird es vermutlich so schnell nicht wieder geben.

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