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Brandenburg, Oranienburg: Das Gelände der Gedenkstätte Sachsenhausen.

Nationalsozialismus

Nationalsozialismus: Anerkennung von vielen KZ-Opfern steht noch immer aus

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In den Konzentrationslager der Nazis litten und starben auch viele Menschen, die bis heute ignoriert werden. Das muss sich ändern. Der Gastbeitrag.

Als ich meinen Onkel Ernst in den 70er Jahren fragte, warum er sich denn nicht bei der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes engagiere, er habe schließlich im KZ gesessen, antwortete er mir: „Völlig unmöglich. Ich war ja nicht als Politischer, sondern als Berufsverbrecher im KZ, nach landläufiger Auffassung also zu Recht. Die würden mich doch davonjagen, wenn ich käme und sagen würde: ‚Ich war doch auch ein Opfer der Nazis‘“

In der vergangenen Woche lagen bei der öffentlichen Anhörung vier Anträge auf den Tischen der Abgeordneten. Sie alle hatten zum Ziel, nach fast 75-jährigem Schweigen endlich die Menschen, die mit dem grünen Stoffdreieck (dem „Winkel“) auf der linken Brustseite in den KZ als „Berufsverbrecher“ stigmatisiert wurden, offiziell als Opfer des Nationalsozialismus anzuerkennen. Ebenso jene Häftlingsgruppe, die die Nazis „Asoziale“ nannten, und die mit einem schwarzen Winkel gekennzeichnet waren.

Nach der Verbüßung der Strafe direkt ins KZ

Wohnungslose, Alkoholkranke, fahrende Musikanten, Bettelnde, Wanderarbeiter und andere Unangepasste wurden summarisch als „Asoziale“ bezeichnet, in von der Polizei organisierten Razzien aufgespürt und ohne Verfahren in KZ gesperrt, dort gedemütigt und oft ermordet.

Kleinkriminelle, die wegen Diebstahls, Hehlerei, (damals strafbarer) Bettelei verurteilt worden waren, wurden nach der vollständigen Verbüßung ihrer letzten Strafhaft ohne jedes weitere Verfahren von der Kriminalpolizei direkt in die KZ überführt. Durch ihre Taten hätten sie bewiesen, dass sie kriminelle Gene in sich trügen, die sie zu „Gewohnheits-“ oder „Berufsverbrechern“ mache; deshalb seien sie aus der Gesellschaft zu entfernen und in den KZ „durch Arbeit zu vernichten“.

Bis heute sind sie als Opfer nicht anerkannt. Jahrzehntelang setzte sich niemand für sie ein, die Forschung nahm sie kaum zur Kenntnis, und auch die Betroffenen selbst meldeten sich nicht öffentlich zu Wort. Im Bewusstsein der auch nach 1945 anhaltenden Stigmatisierung bildeten sie keine Interessengemeinschaft, veröffentlichten keine Erinnerungen, sondern sie schwiegen, oft auch in den Familien, meist aus Scham.

Frank Nonnenmacher ist emeritierter Professor für politische Bildung und Initiator des Appells zur Anerkennung ignorierter KZ-Opfer Mehr Informationen: change.org/vergessene-Opfer

Im Dezember 2016 veröffentlichte dann die Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ einen Aufruf, in dem es unmissverständlich hieß: „Alle Konzentrationslagerhäftlinge waren Opfer des Unrechtssystems. Anders formuliert: Niemand saß ‚zu Recht‘ im KZ, auch Menschen mit dem schwarzen und dem grünen Winkel nicht.“ In der Öffentlichkeit wurde der Aufruf wenig beachtet. Immerhin gab es im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD im März 2018 den Passus: „Bisher weniger beachtete Opfergruppen des Nationalsozialismus wollen wir anerkennen und ihre Geschichte aufarbeiten.“

Endlich kommt Bewegung in die Sache

Im April 2018 habe ich mit einigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern einen „Appell“ an den Bundestag gestartet, der einen formellen Beschluss fordert, diese bis heute ignorierte Gruppen von KZ-Häftlingen als Opfer des NS-Systems anzuerkennen. 125 namhafte Erstunterzeichnende haben den Appell unterschrieben, darunter auch Bundestagsabgeordnete, wie Nicola Beer (FDP), Ulli Nissen (SPD), Tabea Rössner (B90/Grüne), Peter Tauber (CDU), Bettina Wiesmann (CDU), Matthias Zimmer (CDU). Den Appell auf „change.org/vergessene-opfer“ unterstützen bisher knapp 22 000 Menschen.

2019 bewegte sich endlich etwas: Die Fraktion Bündnis90/Grüne legte im Februar 2019 einen Antrag vor mit dem Ziel, der Bundestag solle die öffentliche Anerkennung dieser Opfergruppe beschließen. Die FDP-Fraktion folgte im April und beide Anträge wurden im Plenum des Bundestages diskutiert und an den Kulturausschuss überwiesen. Danach legte auch die Fraktion der Linken einen eigenen ausführlichen Antrag vor, der ebenfalls die Anerkennung fordert. Hatten sich die CDU/CSU-Vertreter im kulturpolitischen Ausschuss noch zurückhaltend bis skeptisch gezeigt, überraschten sie Ende Oktober mit einem gemeinsamen Antrag von CDU/CSU und SPD.

Vergangene Woche tagte der Bundestagsausschuss für Kultur und Medien öffentlich zu diesem Thema. Einhellig wurde von den Experten wie auch von den Abgeordneten der demokratischen Parteien die endlich notwendige Anerkennung der bislang ignorierten KZ-Opfer befürwortet wie auch die Vorschläge, das Thema durch eine abrufbare Ausstellung, durch Forschungsfinanzierung und Projekte der historisch-politischen Bildung ins gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken.

Widerspruch kam nur von einer Seite; den Abgeordneten der AfD. Gespannt sein kann man auf die Debatte zu den Anträgen, die demnächst im Plenum des Bundestages stattfinden wird.

Frank Nonnenmacher ist emeritierter Professor für politische Bildung und Initiator des Appells zur Anerkennung ignorierter KZ-Opfer.

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