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Noch einmal vereint

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Von: Andreas Schwarzkopf

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Pflichtbewusst bis zuletzt: Elizabeth erwartet die neue Premierministerin Liz Truss in Balmoral.
Pflichtbewusst bis zuletzt: Elizabeth erwartet die neue Premierministerin Liz Truss in Balmoral. © Jane Barlow/afp

Ganz Großbritannien trauert um eine Königin, die Halt gab. Und sie wird fehlen, um dabei zu helfen, Herausforderungen des Landes zu bewältigen.

Ein letztes Mal bringt Queen Elizabeth II. ihr Land zusammen. Diesmal in der Trauer über ihren Tod. Alle verbeugen sich ein letztes Mal vor der Königin, die immer da war, bei vielen Krisen während ihrer 70-jährigen Regentschaft den Britinnen und Briten Halt gab, viele Premierministerinnen und -minister durch so manche Schwierigkeit begleitet und alle Herausforderungen für das Haus Windsor gemeistert hat.

Und natürlich wird sie Großbritannien fehlen, einem Land, das während ihrer Amtszeit von einem Imperium zu einer Nation schrumpfte, das sich mit dem Brexit von einer europäischen Macht in der Europäischen Union zu einem Land am Rande Europas wandelte und auch sechs Jahre nach dem Austritt aus der EU noch immer eine neue Linie sucht.

Viel größer könnten die Herausforderungen für König Charles III. und Premierministerin Liz Truss kaum sein. Fraglich ist, ob sie das angeschlagene Schiff Great Britain wieder flott bekommen. Zu beneiden sind sie jedenfalls nicht.

Die Regierungschefin muss nach dem zeitaufwändigen Wahlkampf mit ihrem Konkurrenten und ehemaligen Finanzminister Rishi Sunak zunächst wie andere europäische Staaten Mittel und Wege finden, die rapide steigenden Preise für Energie für die Haushalte und Unternehmen abzufedern. Angekündigt hat sie, Steuern zu senken. Doch dieses neoliberale Allheilmittel hat auf der Insel in vielen Branchen in den vergangenen Jahrzehnten nicht wirklich funktioniert.

Ähnliches gilt für die Privatisierung, die vor allem den Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) an den Rand des Kollaps gebracht hat. Interveniert Truss nicht, dann werden sich immer mehr Britinnen und Briten in der heimischen Küche mit der Zange selbst Zähne ziehen, werden weiter Menschen sterben, weil Krankenwagen nicht auf Notrufe reagieren.

Die soziale Spaltung wird auch immer deutlicher durch die vielen Streiks für höhere und angemessene Löhne. Die Gewerkschaften haben den Arbeitskampf zwar wegen des Todes der Queen unterbrochen. Doch spätestens nach der zwölftägigen Trauer um die Regentin dürfte Schluss sein mit dieser Pause. Man wird sehen, wie heiß der britische Herbst wird.

Unklar ist auch, wie Truss das Land zusammenhalten will. Als Premierministerin-Kandidatin hat sie beispielsweise die schottischen Autonomiebestrebungen zu ignorieren versucht. Was im Norden die Gemüter mehr als erzürnt hat.

Weiteres Ungemach droht im Nordwesten, wo es ihr mit ihrem Vorgänger Boris Johnson zusammen nicht gelungen ist, die Ideen der Wiedervereinigung Irlands aus der Welt zu schaffen. Damit ist der Streit mit der EU über das Nordirlandprotokoll verbunden.

Ob der neue König Charles III. so wie seine Mutter in ähnlichen kritischen Phasen des Landes der Regierung in London beistehen kann, ist noch nicht ausgemacht. Er will und muss das Königshaus verschlanken, um es zukunftsfest zu machen. Doch derartige Reformen können Dynamiken entwickeln, die nicht mehr einzufangen sind. Die Zustimmung zur britischen Monarchie ist jedenfalls in den vergangenen Jahren gesunken. Noch nicht so sehr, dass es gefährlich werden könnte. Aber wenn der ohnehin nicht unangefochtene Charles III. Fehler macht, könnte sich die Stimmung weiter verschlechtern.

Gelingt es ihm etwa nicht, die Commonwealth-Staaten dazu zu bringen, ihn weiter als Staatsoberhaupt zu akzeptieren, würden seine Landsleute ihm das sicher übel nehmen. Debatten über derartige Schritte gibt es jedenfalls in Australien und anderen Ländern des ehemaligen britischen Empires. Berichte S. 2-5

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