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Klima-Kämpferin Greta Thunberg hat das Rad nicht neu erfunden. Jedoch hat sie mit dem Schulstreik zum richtigen Zeitpunkt das richtige Mittel gewählt.

Fridays for Future

Ein Nobelpreis für Greta rettet nicht das Klima

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Greta Thunberg gilt als Favoritin für den Friedensnobelpreis. Was würde der Preis für die Bewegung bedeuten? Ein Gastbeitrag von Fridays for Future Frankfurt. 

Streik in Berlin: Die Presse drängt sich um den kleinen abgesperrten Bereich hinter der Bühne. Die Organisator*innen müssen die Journalist*innen teilweise anflehen, nicht über die Absperrung zu klettern. Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Die Menge teilt sich, und da steht sie: ein 16-jähriges Mädchen im rosa Kleid. Das Gesicht der größten Klimabewegung, die es je gegeben hat.

Es ist ein komisches Gefühl, direkt neben ihr zu stehen. Sie wirkt nicht wie die starke Führerin einer Jugendbewegung, nicht wie jemand, die gerne im Rampenlicht steht und die Aufmerksamkeit genießt. Wären keine Massen und Presse ihretwegen gekommen, könnte man denken, sie sei ein Kind, welches in die Schule um die Ecke gehe.

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Woher kommt der Hype um sie? Im September 2018 setzte sich Greta vor das schwedische Parlament und forderte von der Regierung eine gerechte Klimapolitik. Anfangs saß sie alleine da – jeden Tag. Mit der Zeit kamen immer mehr vor allem junge Menschen dazu. Im Dezember wurde sie dann eingeladen, auf der UN-Klimakonferenz in Katowice zu sprechen. Die Rede ging durch alle Medien. Plötzlich wurden weltweit Schüler*innen wach.

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Personenkult hat auch Schattenseiten

Die Verdrossenheit junger Menschen wandelte sich in eine Euphorie, selbst aktiv zu werden, um etwas verändern zu können. Anfangs war sie noch klein. Doch bald würde sich das Chaos ordnen, denn die Presse war von der Radikalität des Schuleschwänzens begeistert. Das Mittel war hart, aber es war notwendig, um die benötigte Aufmerksamkeit zu generieren. Die Schüler*innen fingen an, sich zu organisieren und weltweit zu vernetzen. Schon Anfang des neuen Jahres folgten internationale Streiks. Greta wurde zum Gesicht der Bewegung.

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Kira Geadah.

Personenkult hat auch Schattenseiten. So führt die Reduzierung einer ganzen Jugendbewegung auf eine Person zu einer falschen Repräsentation in der Öffentlichkeit. Damit die Bewegung demokratisch, divers und gerecht ist, sollten Einfluss und Anerkennung gleichmäßig verteilt sein. Jedoch bietet der Kult um eine Person auch eine Möglichkeit der Identifikation. Das Anliegen bekommt ein Gesicht, hinzu kommen nachahmbare Handlungen wie das Streiken. Dadurch werden sehr viele Menschen mobilisiert, bei Massenaktionen teilzunehmen.

Greta versucht oft, den Personenkult einzuschränken, indem sie immer stark auf die „Scientists for Future“ verweist. „Fridays for Future“ gibt somit der Wissenschaft eine Stimme. Ein genauer Blick auf das, was uns die Wissenschaft vorhersagt, zeigt uns, dass das Wort Krise für die kommende Zeit nicht mehr ausreicht. Die Folgen der Erderwärmung werden fatal sein: Krieg, Hunger, Armut und Massenflüchtlingsströme sind nur ein paar Beispiele dafür, was passieren wird. Die Verursacher dieser Folgen leben hauptsächlich im globalen Norden, sprich: Nordamerika, Europa und China. Doch ausbaden müssen es die Länder im globalen Süden.

Zum richtigen Zeitpunkt das richtige Mittel gewählt

Klima hängt also direkt mit Frieden und Gerechtigkeit zusammen. Deshalb wundert es nicht, dass sich schon vor „Fridays for Future“ verschiedene Gruppierungen bildeten, die ebenfalls für Klimagerechtigkeit kämpften. So gingen schon 2015 in Deutschland Aktivist*innen mit „Ende Gelände“ gezielt in Kohleregionen, um dort mit Aktionen des zivilen Ungehorsams die Fehler unseres derzeitigen Systems aufzuzeigen und einen sofortigen und drastischen Wandel zu fordern. Auch in Amerika gründeten sich schon vor „Fridays for Future“ Schüler*innnenbewegungen, wie „This is zero hour“.

Paul Lindner.

Greta hat das Rad also nicht neu erfunden. Jedoch hat sie mit dem Schulstreik zum richtigen Zeitpunkt das richtige Mittel gewählt. Frühere Friedensnobelpreisträger*innen bekamen ihre Auszeichnungen häufig für besonders bedeutende Kompromisse. Für Greta gibt es jedoch keine Kompromisse. Fakten sind nicht verhandelbar. Entweder die Menschheit schafft es, die nötigen Maßnahmen umzusetzen, oder unsere Existenz auf diesem Planeten hat ein Ende.

Doch in gewisser Weise geht es bei der Auseinandersetzung der Jugend und Wissenschaft mit der Politik auch um Verhandlungen, bei denen die streikende Seite genau diese Maßnahmen fordert. Denn Klimaschutz ist immer auch Menschenschutz.

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Sollten Greta und „Fridays for Future“ die Ausgangslage dieser Verhandlungsseite verbessert haben und sollte dies schlussendlich auch uns eine Zukunft auf diesem Planeten ermöglichen, wäre der Nobelpreis mehr als verdient. Doch das Klima ist mit einem Preis noch lange nicht gerettet.

Kira Geadah und Paul Lindner sind Aktivistin und Aktivist von Fridays for Future Frankfurt.

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