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Den Literaturnobelpreis von 2012 für den chinesischen Autor Mo Yan (3. von rechts) umweht ein Hauch von Korruption.

Literatur-Nobelpreis

Die Nobelposse

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Kein informierter Zeitgenosse vertraut der Akademie. Aber er wird sich freuen, wenn ein guter Autor den Nobelpreis für Literatur bekommt. Der Leitartikel.

Der Literaturnobelpreis soll in diesem Jahr nicht vergeben werden, weil die den Preisträger bestimmende Schwedische Akademie sich selbst lahmgelegt hat. Die Lyrikerin Katarina Frostenson sollte zurücktreten. Ihr wurde zur Last gelegt, dass der von ihr und ihrem Mann, dem französischen Fotografen Jean-Claude Arnault, geführte Kulturverein Forum viele Jahre lang von der Akademie Geld erhalten habe.

Außerdem seien über Frostenson öfter die Namen der Preisträger bestimmten Personen schon vor der offiziellen Bekanntgabe mitgeteilt worden. Zudem wird Jean-Claude Arnault in 18 Fällen beschuldigt, weibliche Mitglieder der Akademie, Frauen und Töchter von Mitgliedern der Akademie, Mitarbeiterinnen sexuell belästigt oder gar missbraucht zu haben. Hinzu kommt das von drei Zeugen berichtete Tätscheln des Gesäßes, ja der ganzen Rückenpartie von Kronprinzessin Victoria. Das soll sich im Jahre 2006 ereignet haben.

Der Antrag einer Gruppe von Akademiemitgliedern, Katarina Frostenson zum Rücktritt aufzurufen, scheiterte an acht Mitgliedern, die der Auffassung waren, es gebe keine Beweise für ihre eigenen Verfehlungen und auch keine für die ihres Gatten. Damit stellten sie sich gegen einen internen Untersuchungsbericht, der Arnault „unakzeptables Verhalten in Form unerwünschter Intimität“ attestiert hatte. Daraufhin traten fünf Jurymitglieder zurück, am Ende auch Katarina Frostenson und die Ständige Sekretärin der Akademie, Sara Danius, so dass der Rest – folgt man der Satzung – nicht mehr handlungsfähig ist.

Der Interimsvorsitzende Anders Olsson erklärte am Freitag: „Wir halten es für nötig, Zeit zu investieren, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Akademie wieder herzustellen, bevor der nächste Preisträger verkündet werden kann.“

Der Ruhm des Literaturnobelpreises hat nichts mit „Vertrauen in die Akademie“ zu tun. Kein Mensch interessiert sich für die Akademie. Kein Mensch interessiert sich für das sexuelle Verhalten der Jurymitglieder oder das ihrer Gattinnen und Gatten. Wenn die Akademie sich außerstande sieht, ihre Angestellten vor den Übergriffen eines alten Mannes zu schützen, dann sollte man sie auflösen. Denn das sind unzumutbare Arbeitsbedingungen. Wenn die Akademie für das Ehepaar Frostenson-Arnault über Jahre als Selbstbedienungsladen funktionierte, dann muss das abgestellt werden.

Mit dem Literaturnobelpreis hat beides nichts zu tun. Kein Nobelpreisträger hat sich jemals gedacht: Oh, wie schön, dass ich von so freundlichen, herzensguten alten Männern und Frauen 750.000 Euro bekomme. Jeder dachte: „Schwein gehabt“.

Die 88-jährige Doris Lessing hatte schon nicht mehr mit ihm gerechnet und hätte sich ein paar Jahrzehnte früher wohl deutlich mehr gefreut. Dario Fo war aus dem Häuschen, weil er überhaupt nicht damit gerechnet hatte, und auch Jean-Paul Sartre freute sich, weil er ihn so ablehnen konnte. Aber nicht, weil er der Akademie nicht vertraute, sondern weil er mal wieder ein Zeichen setzen wollte.

Der Literaturnobelpreis verdankt sein Prestige nicht der moralischen Festigkeit der Jurymitglieder, sondern der Höhe des Preisgeldes. Nein, das stimmt nicht ganz. Es ist wichtig, dass man nur selten den Eindruck hat, ein Land, ein Oligarch, ein Verlag könne den Preis kaufen.

Anderseits umweht den Literaturnobelpreis von 2012 für den chinesischen Autor Mo Yan ein Hauch von Korruption. Bis dahin war der exilierte Gao Xingjian der einzige chinesische Literaturnobelpreisträger, was in China beinahe alljährlich ein lautstarkes Murren hervorgerufen hatte. Dass die Stockholmer Jury dann 2012 – trotz einer breiten Dissidentenliteratur – einem zwar witzig-derben, aber stets parteitreuen Autor den Preis zuerkannte, war nicht gerade ein Zeichen der Souveränität des Gremiums.

Ganz und gar unerträglich ist, dass die Jury Salman Rushdie bis heute den Literaturnobelpreis nicht verliehen hat. 1989, als der iranische Ajatollah Khomeini ein Kopfgeld auf den in London lebenden Schriftsteller aussetzte, weigerte sich die Akademie, das zu verurteilen. Sie beugte sich den Drohungen aus Teheran. Erst im März 2016 rang sie sich zu einer Verurteilung der Todesdrohungen gegen Salman Rushdie durch. Wer in dieser Akademie glaubt allen Ernstes, wir würden ihr Achtung entgegenbringen?

2008 weigerte sich die Jury, eine Erklärung für den von der Mafia bedrohten Schriftsteller Roberto Saviano abzugeben. Der hatte in seinem Buch „Gomorrha“ Lesern fast auf der ganzen Welt präzise und ergreifend gezeigt, wie organisierte Wirtschaftskriminalität Leben vernichtet und einen Staat untergräbt.

Der Ständige Sekretär der Akademie, Horace Engdahl, lehnte die Forderung nach Unterstützung des Autors ab und nannte die Drohungen gegen Saviano „eine Polizeiangelegenheit und keine Frage mit Blick auf die Verteidigung der Meinungsfreiheit“.

Kein halbwegs informierter Zeitgenosse vertraut dieser Akademie. Weder literarisch noch politisch noch moralisch. Er wird es auch in Zukunft nicht tun. Aber er wird sich freuen, wenn einem guten Autor 750.000 Euro überreicht werden.

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