Kolumne

Niemand hat gesungen

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Das BIP misst die Wirtschaftsleistung, aber nicht Glück. Letzteres zu bemessen, ist nicht leicht. Warum eigentlich?

Als sie anfingen, ihre Lippen zu bewegen, wurden sie verspottet. Und als sie es nicht mehr taten, wie zum Beispiel Mesut Özil und Jerome Boateng, gab es Ärger. Die Rede ist vom Absingen der Nationalhymne, das im gegenwärtigen Fußball als Verpflichtung und Ausdruck der Ehre angesehen wird.

Die Hymne erklingt natürlich auch andernorts, aber so richtig Pathos oder gar Freude will nicht aufkommen, schon gar nicht auf Parteitagen, wo sie weniger der musikalischen Erbauung als einem wie auch immer gearteten Bekenntnis dient. Aber wissen die Leute, was sie da singen? Was zum Beispiel soll das heißen: „Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand“?

Der etymologische Duden tut sich schwer mit der Herkunftsbestimmung des Wortes. Im Mittelhochdeutschen war Unterpfand ursprünglich ein Rechtsausdruck und bezeichnete das Pfand, dass der Pfandempfänger dem Verpfändenden belässt. Heute wird Unterpfand nur noch in gehobener Sprache im Sinne von einem Zeichen dafür verwendet, dass etwas anderes besteht oder Gültigkeit hat.

In der Hymne mit dem Text von Hoffmann von Fallersleben geht es also weniger um Einigkeit, Freiheit, Recht, Vaterland und Co. Vielmehr zielen die so emphatisch besungenen Dinge auf ein gemeinschaftliches Glück. In der US-amerikanischen Verfassung wird dieser Gedanke mit der Formulierung „persuit of happiness“ zum Ausdruck gebracht. Aber warum, um Himmels Willen, sind dann hierzulande alle so unzufrieden? An dem, was die Menschen haben, kann es nicht liegen. Zählt man einigermaßen redlich zusammen, dann ist da mehr als jemals zuvor.

Der bekannte Wissenschaftsschriftsteller Stefan Klein hat sich dieser Frage in dem gerade erschienenem Buchessay „Die Ökonomie des Glücks“ (Nicolai) angenommen. Die allgemein wachsende Unzufriedenheit, so seine Vermutung, habe etwas zu tun mit einer geradezu übermächtig gewordenen Zahl. Politik und Wirtschaft blicken in zahlreichen Variationen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP), es ist der übergeordnete Leistungsindikator der zählt.

Das BIP, so Autor Klein, sei aber blind für alle Leistungen, die nicht in Geld zu messen sind. Wer den gebrechlichen Schwiegervater pflege, trage nicht zum Wirtschaftswachstum bei.

„Sehr wohl aber steigert das Bruttoinlandsprodukt, wer sich beschwipst hinter das Steuer setzt und auf der Autobahn eine Massenkarambolage verursacht.“ Die Umsätze auf Schrottplätzen und in Autohäusern, die Löhne der Ärzte, so Klein weiter, gingen sehr wohl ins Kalkül der Statistiker ein.

Es gibt also ein erhebliches Defizit bei der Erfassung von Zufriedenheit. Dabei mangelt es nicht nur an Daten, sondern auch an aussagekräftigen Kriterien. Und es spricht wenig dafür, dass der sich weiter rasend entwickelnde Datenkapitalismus Ruheinseln des Wohlbefindens bereithält.

Klar, der Konzern Amazon weiß, wer die H-Moll-Messe streamt und macht weitere Vorschläge für leicht zu erlangenden Musikgenuss. Aber wie viel ist die Stille der Geräte wert, die gerade jetzt vor Weihnachten mit Update und Volumen nachgerüstet werden?

Es gibt übrigens schöne Fußballbilder von Meier, Beckenbauer, Schwarzenbeck und Co. Niemand hat gesungen und fast war es, als sei gerade das des Glückes Unterpfand gewesen.

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