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"Nichts für intellektuelle Feiglinge"

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Von: Harry Nutt

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In seinem neuen Roman „Soumission“ (Unterwerfung) beschreibt Houellebecq eine französische Republik, die inzwischen von einem Vertreter des radikalen Islam regiert wird.
In seinem neuen Roman „Soumission“ (Unterwerfung) beschreibt Houellebecq eine französische Republik, die inzwischen von einem Vertreter des radikalen Islam regiert wird. © Reuters

Ist "Unterwerfung" satirisch oder islamfeindlich? Die Debatte über Michel Houellebecqs neuen Roman ließ nicht lange auf sich warten. Doch eine Parteinahme für rechte Ideologien können die Rezensenten nicht erkennen. Eine Presseschau.

Wie sich Deutschland in naher Zukunft zu einer islamischen Republik entwickeln könnte, schilderte vor einigen Jahren der Schriftsteller Norbert Leithold in seinem Roman „2040“. Das Buch war als Beitrag zur Islamkonferenz gedacht, doch alsbald musste sich der Autor des Vorwurfs der Islamophobie erwehren. Da das Buch nur in einer kleinen Vorauflage erschienen war, blieb eine größere Debatte allerdings aus.

Das ist im Fall des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq anders. In seinem neuen Roman „Soumission“ (Unterwerfung) beschreibt er eine französische Republik, die inzwischen von einem Vertreter des radikalen Islam regiert wird. Die Debatte ließ nicht lange auf sich warten. In der „FAZ“ ist Jürg Altwegg versucht, das Buch als Parodie zu verstehen. Eine Parteinahme für rechte, islamfeindliche Ideologien kann er jedenfalls nicht darin erkennen. „Sein Roman ist eine Farce des Antifaschismus. Eine Satire auf die Vergangenheitsbewältigung. Auf die bekehrten ehemals marxistischen Intellektuellen, die Stalin, Mao und Pol Pot verehrt hatten und sich mit fliegenden Fahnen Ben Abbès anschließen. (...) In ihrem manichäischen Weltbild wurden Minderheiten im Visier des Rechtsextremismus – Muslime, Einwanderer, Homosexuelle, Schwarze, Juden – zu antifaschistischen Hoffnungsträgern und unterscheidungslos zu Opfern verklärt, als seien sie alle für ‚ethnische Säuberungen‘ bestimmt. In diesem überhitzten, ideologisch aufgeladenen Pariser Klima ist eine pragmatische Diskussion unmöglich geworden.“

Gegen den Vorwurf, antimuslimisch zu sein, verteidigt auch Gero von Randow den Roman auf Zeit-online. „Der Autor hat seinen Gegenstand gut recherchiert, er präsentiert uns Argumentationsweisen und kulturelle Strategien des gemäßigten Islamismus nicht als Zerrbild, sondern unter dem Vergrößerungsglas. Was wenig mit einer Wahrscheinlichkeit des politischen Szenarios von ‚Soumission‘ zu tun hat. Der Roman krallt sich immer wieder in die heutige Wirklichkeit. (…) Politische Übereinstimmung mit dem Autor wird nicht vorausgesetzt; erinnern wir uns daran, dass sogar der rechte Rand des kulturellen Universums lesenswerte Literatur hervorbringen kann. Frankreich hat darin einige Übung. Sagen wir es so: Man wird nicht reaktionär, wenn man das Buch anfasst – aber es ist auch nichts für intellektuelle Feiglinge.“

Thomas Steinfeld ist in der „Süddeutschen Zeitung“ indes der Meinung, dass Houellebecq an seinem Stoff auch literarisch scheitert. „Es ist ein Zwitter zwischen Satire und Utopie, mit der Folge, dass sich der Satiriker Michel Houellebecq nicht darauf festlegen lässt, eine Provokation im Sinn gehabt zu haben, während sich der Träumer Michel Houellebecq nicht darauf festlegen lässt, dass seine Erfindungen noch erfundener seien als etwa die Insel Liliput bei Jonathan Swift.“

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