Kolumne

Nichts gelernt auf dem Acker

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In vielen Ländern verschärft Corona die Armut und damit auch die Naturzerstörung. In Deutschland dagegen ist es die Landwirtschaft, die weiterhin schwere Schäden anrichtet. Die Kolumne.

Die neue Ruhe hat sich herumgesprochen unter den Nashörnern. Seit der Tourismus eingebrochen ist, sind die scheuen Dickhäuter in Gebiete zurückgekehrt, wo vorher zu viel Betrieb war. Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung. Wenn jetzt die Chance genutzt wird, mit der Wiederöffnung der Nationalparks angepasste Konzepte der Tourismuslenkung einzuführen, würde das den afrikanischen Wildtieren und der Natur insgesamt zugute kommen.

Anderswo zeitigt die virusbedingte Krise dagegen schlimme Folgen. Sie motiviert offenbar zur Flucht in Goldanlagen. Natürlich nur durch die, die etwas anzulegen haben. Der Goldpreis steigt. Gleichzeitig sinkt der Preis für den Treibstoff der Pumpen und Fahrzeuge. So wächst die Zahl der Goldsucher in Amazonien. Mit Quecksilber, das sie beim Goldwaschen einsetzen, vergiften sie immer mehr Ökosysteme, die angestammten Bewohner der Wälder und sich selbst. Menschen ohne Einkommensalternativen plündern auch andere Ressourcen. In Brasilien, Indonesien und anderen (noch) waldreichen Ländern hat der Holzeinschlag seit Ausbruch der Pandemie gewaltig zugenommen.

Die Folgen für Mensch, Natur und Klima sind fatal. Es sind die Gier von Profiteuren und der Ressourcenhunger in den Abnehmerländern, welche arme Menschen in diesen ungeheuren Raubbau treiben. Durch die Corona-Krise hat sich ihre Lage massiv zugespitzt. Nicht nur wegen des Wegfalls von Arbeitsmöglichkeiten im eigenen Land. Die in den reichen Staaten der Erde schuftenden Haushaltshilfen, Erntehelfer und anderen hier arbeitenden Menschen unterstützten bisher mit lebenswichtigen Geldsendungen ihre daheimgebliebenen Familien. Weil aber die Jobs in den USA, Europa und anderswo wegbrechen, verschärft sich die ohnehin schon prekäre Situation auch in den Heimatländern der Arbeitsmigranten.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

Vor diesem Hintergrund ist es ungeheuer beschämend, dass der alle sechs Jahre zu erstellende Bericht zur Lage der Natur, den das wirtschaftlich gut gestellte Deutschland aktuell vorgelegt hat, wie seine Vorgänger den massiven Artenrückgang und die Zerstörung der Lebensräume bezeugt. Für das eigene Land, ganz amtlich. Nicht die Armut wird hier als Hauptverursacher identifiziert, sondern wiederum und aufs Neue die Landwirtschaft.

Zwar sind deutsche Bauern selbst Getriebene einer verfehlten Agrarpolitik. Andererseits sind ihre ebenso lautstarken wie notorischen Proteste gegen jeden Versuch einer Reduzierung der Güllebelastung der Böden, gegen die Eindämmung der Flut an Pestiziden, gegen die Sicherung von mehr Fläche für Natur nicht geeignet, den Eindruck zu erwecken, dass den konventionell arbeitenden Landwirten an einem wirklich nachhaltigen, naturverträglichen Wirtschaften gelegen ist.

Wie schreibt der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) in seinem Umweltgutachten, das er gerade der Bundesregierung und der Öffentlichkeit übergab? „Die Appelle der Wissenschaft, die natürlichen Lebensgrundlagen besser zu schützen und zu bewahren, drohen zu einem bedrückenden Ritual zu werden.“

Eine entschlossene Umweltpolitik für Deutschland und Europa ist überfällig. Schluss also mit Ritualen. Es ist höchste Zeit zu handeln.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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