Ein Laster transportiert Schweine.
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Ein Schweine-Transport auf dem Weg zur Firma Tönnies im Rheda-Wiedenbrück: Die Politik muss handeln.

Kolumne

Nichts für Jugendliche? Das marode System der Fleischproduktion braucht endlich Lösungen

  • vonManfred Niekisch
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Die Grausamkeiten von Transporten von Tieren zwingen die Politik zum Handeln. Aber noch fehlen Lösungen für das marode System der Fleischproduktion.

  • Erst das Coronavirus zerrt Missstände in der Fleischindustrie ans Licht
  • Die Politik muss weiter handeln
  • Das ganze Wesen der Massentierproduktion und -schlachtung ist marode

Frankfurt - Es ist erstaunlich, dass es des Virus bedurfte, um die miserablen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Schon vor über einem Jahr, nach neuartiger Zeitrechnung also im Vor-Corona-Zeitalter, hatten die Tierschutzbeauftragten der Bundesländer gefordert, zur Betäubung und Schlachtung nur Fachkräfte einzusetzen, die direkt dem Betriebsinhaber unterstehen. Keine Werkverträge und Leiharbeiter. Keine Sklaven.

Katastrophale Verhältnisse bei Tiertransporten aus Deutschland

Es gehört eher nicht zur Kernaufgabe der Tierschutzbeauftragten (die es beschämender Weise nur in der Hälfte aller Bundesländer gibt!), sich um das Wohlergehen der Arbeiter in den Schlachtbetrieben zu kümmern, aber hier hängen Tierwohl und Menschenwohl unmittelbar zusammen.

Nicht zuletzt eine Reise der hessischen Tierschutzbeauftragten Madeleine Martin im vergangenen Jahr dokumentierte die katastrophalen Verhältnisse bei den Tiertransporten aus Deutschland in Richtung Osten.

Tödliche Temperaturen auf den Ladeflächen, brutale Praktiken des Be- und Entladens, Missachtung der vorgeschriebenen Fahrzeiten, fehlende Tränk- und Futtermöglichkeiten, die Liste der übel tierschutzwidrigen Verstöße wurde mehrfach auch durch Fernsehjournalisten und Tierschutzverbände nachgewiesen. Wie grauenhaft es dabei zugeht, verrät ein scheinbar nebensächliches Detail: Der neueste Fernsehbeitrag der ARD dazu ist als „für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet“ deklariert und kann deswegen in der Mediathek nur nachts abgerufen werden. Beachtlich, bei all der Brutalität, die sonst beinahe rund um die Uhr gezeigt wird.

Der Politik liegen genug Fakten auf dem Tisch

Jetzt sehen sich Politiker endlich zum Handeln gezwungen. Immer mehr Bundesländer verbieten solche Transporte, zuletzt diese Woche Rheinland-Pfalz. Die von Amts wegen oberste Tierschützerin der Republik, Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, ist gefordert, auf Bundesebene straffe Regelungen zu veranlassen. Das EU-Parlament treibt bereits mit einem Untersuchungsausschuss die EU-Kommission vor sich her.

Mangelnde Informationen und Kontrollmöglichkeiten, unsichere Rechtslage, Personalmangel und fehlende politische Rückendeckung machen es bisher selbst kritischen Veterinärbehörden äußerst schwer, Genehmigungen zu verweigern. Jetzt liegen genug Fakten auf dem Tisch für eine große politische Lösung. Keine Viehtransporte mehr über die EU-Außengrenzen hinaus.

Das kann erst der Anfang sein

Doch das kann erst der Anfang sein. Es sind nicht nur die Transporte. Das ganze Wesen der Massentierproduktion und -schlachtung ist marode. Wie sonst kann es sein, dass ein Züchter für Bullenkälber praktisch keinen Markt findet?

Männliche Hühnerküken werden weiter legal geschreddert, das ist schlimm genug, aber erst recht keine Lösung für überflüssige Kälber. Sie werden auf Lastwagen Richtung Asien oder in den arabischen Raum entsorgt, zu einem meist qualvollen Ende.

Schon lamentieren Funktionäre, Fleisch würde viel teurer, wenn das System der Leiharbeiter und Werkverträge abgeschafft würde. Und dann auch noch gestiegene Kosten wegen Tierwohl? Aber ja, denn Ausbeutung und Grausamkeiten dürften allmählich auch hartgesottenen Nicht-Vegetariern den Fleischgenuss gründlich verderben. (Manfred Niekisch)

Unterdessen wurden Tönnies-Mitarbeiter zu Unrecht in Corona-Quarantäne geschickt.

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