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Der Laptop ist kein Klassenkamerad, das Smartphone kein Sportplatz.
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Der Laptop ist kein Klassenkamerad, das Smartphone kein Sportplatz.

Coronavirus

Nicht nur an Lernen und Leistung denken

Corona hat Folgen für die gesamte Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Es muss mehr geben als Aufbauprogramme für die Schulen. Ein Gastbeitrag.

Geht es nur um Lernlücken, oder geht es auch um mehr? Diese Fragen müssen sich jetzt alle stellen, wenn die mittel- und langfristigen Folgen des ersten Corona-Jahres für die Kinder und Jugendlichen mit immer größerer Dringlichkeit endlich in den Blick genommen werden. Seit über einem Jahr gibt es keinen regelmäßigen Unterricht mehr in den Schulen, 400 bis 600 Schulstunden sind mittlerweile ausgefallen. Ein Jahr Corona bedeutet auch, dass es keinen uneingeschränkten Zugang zum Sport in den Kinder- und Jugendgruppen der Sportvereine, in den Jugendkultureinrichtungen und der offenen Jugendfreizeit mehr gegeben hat. Die Schnellprogramme zur digitalen Ertüchtigung der Schulen für Homeschooling, Distanzlernen oder hybride Lehr- und Lernformate können aber nicht den Mangel an sozialer Begegnung, emotionaler Nähe und haltgebenden Bindungen zu den Gleichaltrigen wie zu erwachsenen Vertrauenspersonen in Schule, Jugendclub oder Verein ersetzen. Der Laptop ist kein Klassenkamerad, das Smartphone kein Sportplatz.

Nach einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung sahen schon im Dezember 2020 67 Prozent der Lehrkräfte bei einem Großteil ihrer Schülerinnen und Schüler messbare Lernrückstände. Insbesondere die Erst- und Zweitklässler leiden unter der notwendigen Distanz im Bereich Schule. Ihnen fällt es besonders schwer, ein persönliches Verhältnis zur Lehrkraft und zur Schule aufzubauen – eine ganz wichtige Basis fürs Lernen. Damit verbunden ist auch die Persönlichkeitsentwicklung im Sozialen und Emotionalen, was Neugierde und Offenheit, Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein, Einfühlung und Zutrauen angeht. Die Ganzheitlichkeit in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist durch die Pandemie massiv unter Druck gekommen.

Einseitigkeit ist deshalb jetzt fehl am Platz. Es geht ums Ganze. Die Schulbildung wie die allgemeine Kinder- und Jugendpädagogik muss die Kinder und Jugendlichen in ihrer ganzen Persönlichkeit wahrnehmen. Verstärkungsunterricht, gezielte Lerngruppen und Nachhilfestunden sind das eine. Sie müssen jetzt qualifiziert, kostenfrei und zielgerichtet für alle betroffenen Kinder und Jugendlichen aufgebaut werden.

Zu den Personen

Sönke Rix ist familienpolitischer Sprecherder SPD-Bundestagsfraktion. Oliver Kaczmarek ist bildungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

In den Bereichen Kindertagesstätten und Grundschulen muss der Fokus stärker auf Maßnahmen zur Sprach- und Bewegungsförderung liegen. Dies betrifft gezielt die Kinder, die im vergangenen Jahr neu in die Kita gekommen sind, aber gar keine richtige Kita erlebt haben. Und es betrifft die Kinder, die im Sommer in die Schule kommen. Sie können auf diesem Weg noch einmal gezielt darauf vorbereitet werden. Man könnte diese Maßnahmen gut an bestehende Programme andocken und analog dazu ein befristetes Programm zur Förderung von Bewegung und Motorik auflegen.

Aus diesen zusätzlichen Lernangeboten darf aber keine Überforderung durch noch mehr Schulzeit und noch kompakteren Lernstoff werden. Gerade weil das Kinder- und Jugendleben im Corona-Jahr viel Stress in die Familie und die Sozialwelt wie die Gefühle der Kinder und Jugendlichen getragen hat, sind hier entspannende, die soziale und emotionale Stärke der Kinder und Jugendlichen ansprechende Angebote unverzichtbar. Sie müssen immer mitgedacht und mitorganisiert werden. Die eine Milliarde Euro und mehr für Lernhilfen in den Schulen, die mindestens mobilisiert werden soll, braucht weitere Milliarden für die Stärkung der allgemeinen Kinder- und Jugendpädagogik.

An dieser Stelle ist auch eine Unterstützung von kommunalen Förderangeboten in den Ferien denkbar. In vielen Kommunen gibt es zum Beispiel „Kinderstädte“. Eine Woche bauen Kinder und Jugendliche eine Stadt oder ein Dorf auf. Da die Kinder in ihrer Stadt ganz ähnlichen Tätigkeiten nachgehen sollen wie Erwachsene in einer richtigen Stadt, werden möglichst viele Angebote aus verschiedensten Lebens- und Arbeitsbereichen abgebildet. Sehr wichtig ist dabei der aktive Demokratiebezug. Die Nachfrage nach diesen Ferienaktivitäten liegt schon seit Jahren weit über dem Angebot.

Erst beide Seiten ergeben hier ein Ganzes. Begegnung in der Freizeit, Bewegung, Musik, neues Entdecken und Kennenlernen sind unverzichtbar, um den mentalen Langfristschäden von Corona entgegenzuwirken. Bund, Länder und die Kommunen stehen hier in einer Verantwortungsgemeinschaft, die jetzt zusammenfinden muss – zügig, unkompliziert und vor allen Dingen ganzheitlich.

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