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Nicht nachlassen: Der Ukraine-Krieg fordert viel von den Menschen

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Von: Steven Geyer

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Wladimir Putins Krieg fordert viel von den Menschen in der Ukraine – und in der EU. Auch Ausdauer. Der FR-Leitartikel zum Ukraine-Krieg.

Frankfurt – Es ist eine ernüchternde Parallelität: Die Meldungen aus den Kriegsgebieten in der Ukraine werden dieser Tage schlimmer und schlimmer. Russland nutzt den hereingebrochenen Winter und die Minusgrade in seinem einstigen „Bruderstaat“, um dort weiter gezielt Strom- und Wärmeversorgung, Straßen und andere Infrastruktur zu zerstören.

Kriegsherr Wladimir Putin folgt der Taktik aus seinen früheren Militäreinsätzen wie in Tschetschenien und Syrien, die Not der Zivilbevölkerung so zu steigern, dass ihr Durchhaltewillen sinkt und ihre Bereitschaft wächst, mögliche Zugeständnisse der eigenen Regierung gegenüber dem Aggressor zuzustimmen. Das ist völkerrechtlich ein Kriegsverbrechen.

Auch die Brutalität nimmt zu: Der ukrainische Generalstaatsanwalt prangert eine drastische Zunahme sexueller Gewalt durch russische Soldaten an. In vier Monaten habe sich die Zahl von Vergewaltigungen und Übergriffen fast verdreifacht, alle Geschlechter und Altersklassen seien betroffen. Auch die Folter durch Putins Armee und Besatzer nehme zu, vor allem in den besetzten Gebieten.

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Seit Februar 2022 führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. © Vadim Ghirda/AP/dpa

Krieg in der Ukraine: Die Solidarität mit der Ukraine nimmt ab

Zugleich, und das ist die ernüchternde Gegenbewegung, ergeben Umfragen in Europa, und auch in Deutschland, dass die Solidarität mit der Ukraine abnimmt. Eine neue Studie innerhalb der Europäischen Union zeigt beispielsweise, dass die Hilfsbereitschaft gegenüber Geflüchteten aus der Ukraine nachlässt. Vor allem in Ostdeutschland, Tschechien und Ungarn findet eine Mehrheit, dass die Unterstützung für das angegriffene Land wegen der wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen besser eingeschränkt werden sollte.

So war kurz nach dem Überfall Russlands auf seinen Nachbarn die Bereitschaft in ganz Deutschland groß, Geflüchtete aus der Ukraine auch persönlich zu unterstützen. Fast jeder dritte Deutsche konnte sich vorstellen, ukrainische Flüchtlinge vorübergehende sogar im eigenen Haushalt aufzunehmen. Dieser Wert hat sich in etwa halbiert, und auch die Spendenbereitschaft ging etwas zurück.

Schon warnen die Sozialforscher – sicher nicht zu Unrecht – in den nächsten Monaten komme ein Stresstest für die Solidarität mit der Ukraine auf Deutschland zu: Je länger der Krieg dauert und je spürbarer die Folgen hierzulande werden, desto mehr wird die Hilfsbereitschaft auf die Probe gestellt, Kriegsverbrechen hin oder her.

Der Ukraine-Krieg ist das Resultat langjähriger Spannungen zwischen Moskau und Kiew.

Ukraine-Krieg: Die Folgen der Energiekrise werden spürbar

Was zunächst nach Kaltherzigkeit klingt, ist auf den zweiten Blick zwar nicht gut, aber doch nachvollziehbar: Nun, da es auch in Westeuropa kalt wird, werden die Folgen der Energiekrise spürbar – oder es wächst angesichts der hitzigen Debatten zumindest die reale Sorge vor der kalten Wohnung. Dass die Inflation schon lange vor dem Krieg eingesetzt hatte, gerät spätestens dann in Vergessenheit, wenn sie seitdem immer weiter galoppiert – besonders an der Tankstelle und bei den Heizkosten.

Dass das Schlachten brutaler wird, erhöht schon deshalb nicht die Empathie, weil sich die Zuschauenden von derlei Nachrichten abwenden – sei es aus unbewusster Überforderung oder weil sie durch die schiere Kriegsdauer abstumpfen. Was uns im Frühjahr noch schockierte, scheint nun trauriger Alltag – verbunden mit der Ahnung, dass der Westen der Ukraine ja inzwischen auch schon sehr lange beisteht.

Und hatte man nicht auch gehört, dass die ukrainische Armee Gelände gut macht und zunehmend selbstbewusster auftritt? Hatte der ukrainische Präsident nicht neulich viel zu lange an der Behauptung festgehalten, es seien russische Raketen in Polen eingeschlagen – obwohl der ganze Westen sie längst als ukrainische Fehlläufer bezeichnet hatte?

Es ist eine Mischung aus verständlichen menschlichen Selbstschutz-Reaktionen und Kriegsermüdung unter denen, die ja gar nicht die wahre Kriegslast zu tragen haben. Doch gerade letzteres müssen wir uns immer wieder klarmachen. Und es ist ja auch nicht so, dass uns der Mut und die Solidarität verlässt.

Krieg in der Ukraine: Große Bereitschaft, Geflüchtete aufzunehmen

Immerhin ist die Bereitschaft, explizit ukrainische Kriegsflüchtlinge aufzunehmen, noch immer sehr groß und weit verbreitetet. Und in denselben Umfragen befürwortet eine Mehrheit von 40 Prozent der Menschen in der EU, die Ukraine zu unterstützen – und ist bereit, dafür auch negative Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Dabei ist es durchaus verständlich, dass das denen schwieriger erscheint, die wenig Polster aufzubrauchen haben.

Man darf auch einmal zur Kenntnis nehmen, dass der viel gefürchtete heiße Herbst mitsamt Volksaufständen gegen hohe Spritpreise ausgeblieben ist. Dazu haben sicher auch die Entlastungspakete der Bundesregierung beigetragen.

Und so sehr es gilt, den Winter abzuwarten, ehe man Vernunft und Mitgefühl der Menschen in Deutschland lobt: Vieles spricht dafür, dass wir das schaffen. Man kann das nur hoffen, denn dass die Ukrainerinnen und Ukrainer dem Wunsch entsprechen und sich doch noch ergeben, ist unwahrscheinlicher geworden, seit die Folter- und Vergewaltigungsberichte ihnen klargemacht haben, was sie unter russischer Besatzung zu befürchten haben. (Steven Geyer)

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