Leitartikel

Coronakrise: Jetzt bloß nicht nachlassen

  • Steven Geyer
    vonSteven Geyer
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Deutschland hat in der Corona-Krise einen guten Kurs gefunden. Er sollte nicht leichtfertig aufgegeben werden.

Die Laune im Lande hatte sich nach den Wochen des Corona-bedingten Stubenarrests gerade gebessert, weil in den Restaurants wieder bewirtet, in den Kitas wieder betreut werden darf und weil nach den Sommerferien wohl sogar die Schulen wieder regulär öffnen könnten, da rauscht noch vor der sanften Brandung am Badestrand die gefürchtete zweite Welle auf die Deutschen zu.

Weltweit erlebt Corona ein Comeback – vor allem da, wo man die Vorbeuge-Maßnahmen besonders optimistisch gelockert hatte: Sei es in Iran oder Israel, in Schweden oder USA, die Zahl der Infektionen und Todesfälle steigt wieder. Schon warnt die Weltgesundheitsorganisation, gerade seien innerhalb eines Tages so viele Neuinfektionen gemeldet worden wie nie zuvor. Das Gefährliche an dieser Phase: Die Angst um die eigene Gesundheit hat sich abgenutzt, und damit bei vielen Menschen auch der Ehrgeiz, den Mundschutz über der Nase zu ziehen und den Mindestabstand einzuhalten.

Vor diesem Hintergrund blickt auch Deutschland mit wachsender Sorge auf seine neuen Hotspots: Erwächst aus den Corona-Ausbrüchen in Göttingen, Berlin-Neukölln und im Umfeld der Fleischbetriebe von Rheda-Wiedenbrück auch eine neue deutsche Welle?

Völlig losgelöst von den beherzten Lockerungen der Corona-Beschränkungen sei der Infektionsherd beim Wurstmacher Tönnies, sagt der zuständige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, zu dieser Frage. Und auch an diesem Sonntag wollte er noch keine landesweiten Maßnahmen einleiten, schließlich sei der Infektionsherd lokal klar eingrenzbar auf den Kreis Gütersloh.

Das ist sicher richtig. Doch gerade deshalb stellt sich die Frage, warum die Behörden vor Ort nicht konsequentere Maßnahmen verhängen. Wir erinnern uns: Zu den Faktoren, die eine Rückkehr zu strikteren Kontaktsperren erzwingen würden, hatten Bund und Länder noch im Mai eine wöchentliche Obergrenze von 50 Neuinfektionen auf 100 000 Einwohner erklärt. Die ist in Gütersloh der Fall.

Wenn Kreis und Land trotzdem eine Quarantäne allein für die Tönnies-Mitarbeiter für ausreichend halten, zeigen sie großes Vertrauen in deren Abschottung – womöglich zu großes: Schon gibt es Meldungen, wonach etliche Arbeiter trotz Quarantäne abgereist seien. Wie will man mehr als 6000 Betroffene auch wirksam kontrollieren?

Ein ähnliches Bild ergibt sich in den anderen deutschen Hotspots: Auch bei den betroffenen Wohnblocks von Göttingen und Berlin trifft die deutsche Übersetzung des englischen Fachbegriffs Hotspot zu: Brennpunkt.

Wo es eng wird für die Bewohner, wird es auch eng für die Virusabwehr. Wer ohnehin schon mit schwierigen Wohn- und Lebensbedingungen gestraft ist, soll nun noch exklusive Ausgangssperren und das soziale Stigma als Virenschleuder erdulden? Das kann auf Dauer nicht gutgehen – nicht politisch, aber auch nicht epidemiologisch: Die Vorstellung, man kann das Virus im Sozialwohnblock wegsperren, dürfte sich als naiv erweisen.

Gleiches gilt für die Freude von Gesundheitsminister Jens Spahn darüber, dass die Corona-Warn-App schon mehr als zehn Millionen Mal heruntergeladen worden sei – allerdings nur von Besitzern modernster Smartphones. Bleibt zu hoffen, dass der Effekt nicht ähnlich symbolisch ist wie das beliebte Tragen des Mundschutzes am Kinn.

Wobei auch solche Symbole nicht unnütz sind. Immerhin halten sie die Deutschen bestenfalls wachsam. Vielleicht ist Deutschland auch deshalb weit entfernt von einer zweiten Welle, die mit der ersten vergleichbar wäre – geschweige denn mit den damaligen Zuständen in Italien und Spanien.

Bundesweit wird die 50-Fälle-Obergrenze fast überall eingehalten. Ein Viertel der Landkreise hat in der vorigen Woche keine einzige Neuinfektion gemeldet – zur Überraschung vieler Wissenschaftler, die nach immer weiteren Lockerungen und Massenaufläufen wie den Großdemos gegen Rassismus mit steigenden Fallzahlen gerechnet hatten. Das lässt hoffen – zumal der Kurs, das Virus eindämmen zu wollen, hierzulande Konsens ist. Dem schwedischen Traum einer „Herdenimmunität“ will niemand mehr nacheifern – schon, weil gemessen an der Einwohnerzahl nirgends so viele Infizierte gestorben sind wie dort und dennoch nur gute sechs Prozent der Einwohner Antikörper nachweisen. Für ein Stoppen von Corona wäre das Zehnfache nötig.

Und doch muss man auch hierzulande wachsam bleiben: Die Zahl der Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden war an diesem Wochenende so hoch wie seit einem Monat nicht mehr – trotz Sommer, Sonne, Maskenpflicht. Dass es nun gleich mehrere Städte gibt, die Corona-Massenausbrüchen eindämmen müssen, kann gefährlich werden, sobald sich die Infektionsketten nicht mehr nachverfolgen lassen.

Deutschland hat einen guten Kurs gefunden, der offene politische Debatten über die richtigen Maßnahmen bisher ebenso umfasste wie konsequentes Eingreifen der Politik, aber auch freiwillige Einschränkungen, die der Einzelne zum Wohl der Allgemeinheit einging. Wir sind gut beraten, diesen Kurs weder aus Ermüdung, noch aus Leichtsinn aufzugeben.

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