Demenz

„Nicht mehr im richtigen Leben“

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Wenn Alina schreibt, scheint sie in einer anderen Welt. Das ist nicht nur kreativ, es ist auch ein Problem für die demenzkranke Künstlerin. Die Kolumne.

Das Pflegeheim, in dem ich meine Mutter besuche, beherbergt auch eine bald 90-jährige Schriftstellerin und Künstlerin, der ich für mich den Namen Alina gegeben habe. Sie gehört einer dort eingerichteten Gruppe an, die einmal pro Woche gemeinsam zeichnet und malt.

Ausgestellt werden die dort entstehenden Werke später im Rahmen eines bezirklichen Atelierrundganges, und wer einmal eines von Alinas Bildern gesehen hat, erkennt auch die anderen Arbeiten sogleich am markant-schwungvollem Strich als die ihren. Es ist eine geübte Hand, die da malt, auch wenn die Demenz ihr sehr viel von ihrem ästhetischen Ausdruck genommen zu haben scheint.

Nichts aber von ihrer positiven Ausstrahlung. Alina liebt es, durch den Flur des Pflegeheims zu gehen und bei einem Foto, das ein Backsteingebäude aus der Umgebung zeigt, sich an dessen wunderbarer Form zu erfreuen.

Nie werde ich jene Szene vergessen, wie sie meiner ebenfalls dementen Mutter einen kleinen Vortrag über Material- und Formgebung hielt, von dem meine Mutter schon aufgrund ihrer Schwerhörigkeit vermutlich kein Wort verstand. „Sind sie nicht wunderbar, diese Farben. Und die Strukturen.“

Meine Mutter winkte nicht einfach ab, wie sie es oft tat, wenn ihre Fähigkeit zur Aufnahme von etwas Unbekanntem und Neuem erlahmte. Etwas nicht hören zu wollen, war oft die einzige Autonomie, über die sie noch verfügte. Alinas Ausführungen aber schien sie beflissen zu lauschen, weil sie an der Lebensfreude und Zugewandtheit der Vortragenden offenbar Gefallen gefunden hatte.

Oft scheint es, als sei Alina ganz für sich. Dann wieder imponiert sie durch ihre einladende Art, um wenig später geradezu schwebend weiterzuziehen. Während der Sommermonate begegneten wir Alina oft, wie sie geradezu euphorisch den Garten durchstreift und dabei in dem großen Ahornbaum vor dem Haus nicht nur die Kraft der Natur erkennt, sondern auch dessen inneren Gestaltungswillen und Schönheit.

Manchmal verheddert Alina sich in der Zeit. Hin und wieder sieht man sie dann mit einem Wecker in der Hand, fragend, ob er die tatsächliche Stunde anzeige oder womöglich stehengeblieben sei. Manchmal wacht sie des Nachts auf, kleidet sich an und begibt sich, weil ein Hungergefühl sie plagt, auf die Suche nach etwas Essbaren. In diesen Stunden, so denke ich mir, wird das Pflegeheim zu einem Ort der verlorenen Seelen, der erst dann seinen ganzen Schrecken entfaltet, aber auch Raum lässt für einen Hauch von Poesie.

Im Auslöschen charakterlicher Eigenheiten schreiten demenzielle Erkrankungen unerbittlich voran, aber sie wirken niemals total. Meine Mutter hat sich ihren ganz eigenen Witz bewahrt, aber auch einen schnoddrigen Pragmatismus, die Dinge zu nehmen, wie sie sind.

Aber vielleicht ist das ein unangebrachter Euphemismus. Oft ist es die alte Welt, die Menschen wie Alina und meine Mutter bedrängt. Sorgen treten dann lärmend in den Vordergrund, für die es keine Lösungen mehr zu geben scheint – außer das Vergessen.

Ehe es einsetzt, wird es als existenzieller Kampf erfahren, von dem sich manchmal nur lose Reste mitteilen. „Ich bin jetzt so in meinem Schreiben“, sagt Alina einmal mit einer Spur von Verzweiflung, „dass ich gar nicht mehr im richtigen Leben bin.“

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