Der viel beschworene mündige Bürger hat jetzt die Chance und die Verpflichtung zu beweisen, dass er mündig ist. Dafür braucht es nicht viel mehr als Maske tragen, Abstand halten, Hände waschen und ab und zu mal lüften.
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Der viel beschworene mündige Bürger hat jetzt die Chance und die Verpflichtung zu beweisen, dass er mündig ist. Dafür braucht es nicht viel mehr als Maske tragen, Abstand halten, Hände waschen und ab und zu mal lüften.

Leitartikel

Nicht klagen - lüften!

  • Marina Kormbaki
    vonMarina Kormbaki
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So „historisch“ wie behauptet sind die neuen Beschlüsse zur Eindämmung von Corona nicht. Die schärferen Regeln dienen allein der Anpassung an die Entwicklung der Pandemie. Aber reicht das schon aus? Der Leitartikel.

Wiedersehen macht keine Freude. Jedenfalls wirkten die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten am Mittwochabend im Anschluss an die erste physische Begegnung in der Runde seit vier Monaten erschöpft und auch frustriert. Angela Merkel hatte denn auch keine guten Nachrichten zu verkünden. Angesichts steigender Infektionszahlen verschärfen Bund und Länder die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus.

Die Pandemie zwingt die Politik zu neuerlicher Härte, die bei den Bürgerinnen und Bürgern als Verlust kostbarer Freiheiten spürbar sein wird. Wie schmerzhaft dieser Verlust in der dunklen, kalten Jahreszeit ausfällt, hängt nicht zuletzt vom Verhalten jedes und jeder Einzelnen ab. Es ist offenbar unvermeidlich, die kritische Marke an wöchentlichen Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner abzusenken – von ehemals 50 auf jetzt 35. Einige Experten hielten den ersten, großzügigen Richtwert von Anfang an für zu hoch. Doch er erwies sich im Sommer, als sich das Leben größtenteils im Freien abspielte und die Ansteckungsgefahr somit gering blieb, als praktikabel. Jetzt aber, da der Alltag im Job oder mit der Familie in oft schlecht belüfteten Innenräumen stattfindet, ist die alte Marke potenziell gefährlich.

Das Virus ballt sich nicht mehr in Hotspots, sondern breitet sich bundesweit aus. Das Gesundheitswesen nähert sich der Belastungsgrenze – das gilt für die Kontakt-Nachverfolgung in den Gesundheitsämtern und mitunter auch für Testkapazitäten. Seit Ende September steigt überdies die Zahl der Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung. Jetzt kann frühzeitiges Handeln Leben retten. Die Rückkehr in den Krisenmodus ist gerechtfertigt.

Einige Regelverschärfungen sind plausibel – etwa die Ausweitung der Maskenpflicht und eine weitere Begrenzung der Teilnehmerzahl von Veranstaltungen. Andere sind fragwürdig – etwa Sperrstunden in der Gastronomie, wo auch ein konsequentes Hygienekonzept die Ausbreitung des Virus behindern könnte. Und einige Ideen sind schlicht Ausdruck von Aktionismus – allen voran das in verwirrender Vielfalt verfügte Beherbergungsverbot.

Um die Akzeptanz der Corona-Regeln nicht zu gefährden, muss die Politik das Prinzip der Verhältnismäßigkeit beherzigen. Die Frischluftkur an der Ostsee ist epidemiologisch nicht riskanter als die Fahrt im Bus zur Arbeit.

Will sie ihre Autorität nicht verspielen, muss die Politik überdies auf ihre Außenwirkung Acht geben. Ob in München, Magdeburg oder Schwerin: Die Länderchefs und -chefinnen irren, wenn sie meinen, ihre Wählerschaft belohne die Abkehr vom Konsens in lokalpatriotischer Pose. Die Bürgerinnen und Bürger sind das Wirrwarr leid.

Das Kanzleramt wiederum sollte sein Erwartungsmanagement verbessern. Die Beschlüsse von Bund und Ländern sind nicht von „historischer Dimension“, wie Kanzleramtschef Braun vorab raunte. Es sind Anpassungen an eine Pandemie, die ihren Lauf nimmt. Weitere werden folgen.

Die Politik wird ihrer Vorbildfunktion dieser Tage gewiss nicht immer gerecht. Dies aber darf nicht als Ausrede dienen für eine laxe Auslegung der Alltagsregeln zur Bekämpfung der Pandemie. Die Politik muss mit Gesetzen und auch Geld den Rahmen liefern für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Risiko – sei es durch kreative Konzepte an Kitas und Schulen, durch die Entlastung des öffentlichen Personennahverkehrs und die Stärkung des Gesundheitswesens. Aber sie kann und darf nicht in den persönlichen Alltag der Menschen hineinregieren.

Und doch scheint es eine Sehnsucht nach Führung zu geben, die über ein demokratiekompatibles Maß hinausgeht. Wer ritualisiert zu wenig „Einheitlichkeit“ oder „Verständlichkeit“ der Anti-Corona-Politik beklagt, sollte sich selbstkritisch befragen, welchen Aufwand er oder sie zur Verbreitung und Befolgung der Regeln leistet.

Ob wir alle bei der Arbeit, in der Freizeit oder im Urlaub die Anti-Corona-Regeln befolgen und somit die Gefahr kleinhalten, entscheiden wir selbst. Der viel beschworene mündige Bürger hat jetzt die Chance und die Verpflichtung zu beweisen, dass er mündig ist. Dafür braucht es nicht viel mehr als Maske tragen, Abstand halten, Hände waschen und ab und zu mal lüften. Selten war es so leicht und auch so wichtig, staatspolitische Verantwortung zu zeigen.

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