Kolumne

Nicht nur auf eigene Scholle blicken

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Städter müssen sich anders ernähren, Landwirte auf den maximalen Profit verzichten. Und gemeinsam müssen alle gegen Verschwendung und Billigware sein.

Eigentlich, liebe Landwirtinnen und Landwirte, könnt ihr froh sein, dass hier nicht meine Oma Frieda schreibt. Die würde sofort loswettern. Wie demütigend das gewesen sei, damals nach „dem zweiten Krieg“. Nichts mehr zu essen hatten sie, nichts blieb ihnen übrig, als „hamstern“ zu gehen, also die Wertgegenstände, die die Bombennächte überstanden hatten, raus aufs Land zu schleppen und gegen Essbares zu tauschen.

Schmuck, Geschirr, Pelze, Teppiche und Instrumente, alles wurde zu dürftigsten Kursen verscherbelt. Zwei Pfund Mehl für ein Klavier, drei Eier für einen Mantel, ein paar Kartoffeln für ein Paar Schuhe. Man musste nehmen, was die Bauern einem gaben. Oma Frieda fühlte sich erniedrigt und tief in ihrem Selbstwertgefühl getroffen.

Doch – so sehr ich Oma mochte – ihr Urteil war nicht objektiv. Der vermeintliche Reichtum der Bauern war harter Arbeit und einem entbehrungsreichen Leben geschuldet und einer über Jahrhunderte gewachsenen Sparsamkeit. Man war kompromisslos dem Wetter und der körperlichen Unversehrtheit ausgeliefert.

Eine schwere Krankheit oder eine Missernte und schon war die Existenz gefährdet. Also bildete man Rücklagen, wann immer das möglich war. Entsprechend knickerig gab man sich beim Teilen mit Ärmeren, was bei darbenden Städtern zwangsläufig deren Neid schürte.

Nach 1945 aber ging es bei beiden aufwärts. Auch die Bauern profitierten vom Wirtschaftswunder, später von der Umwandlung ihrer Äcker in Bauland. Hinzu kamen Steuererleichterungen und Subventionen. Wie allen anderen ging es ihnen gut – doch wie alle anderen wurden auch sie irgendwann von grundlegenden wirtschaftlichen Veränderungen getroffen.

Kleine Betriebe wurden gezwungen, zu Wirtschaftsunternehmen zu werden – oder zu schließen. Das war so bei Bäckern, Metzgern, Fischern, Schlossern, Tischlern, Malern, Wirten – und neben vielen weiteren eben auch bei Bauern. Tausende kleine Höfe verschwanden, die Folgen sind bekannt: Massentierhaltung, Monokultur, Überdüngung – und daraus resultierend Artensterben, Landflucht, Wassermangel, Rodung von Urwäldern – und daraus resultierend Klimawandel, Wohnungsnot und so weiter und so weiter.

Das alles ist so eng miteinander verzahnt, dass niemand mehr nur auf die eigene Scholle blicken sollte. Deswegen ist es auch kurzsichtig, gegen Gesetze zum Schutz von Insekten und Gewässern zu demonstrieren, denn sie zielen in die richtige Richtung. Dennoch muss demonstriert werden, und zwar mehr denn je – doch die Gegner sind andere.

Es sind jene, die landwirtschaftliche Produkte zu Spottpreisen auf den Markt werfen, die kostbare Lebensmittel zu billiger Massenware degradieren, die Essen lieber wegwerfen, als es den Armen zu geben. Zu guter Letzt aber auch jene, die den Schwachsinn mitmachen und sich Tag für Tag mit Billigfleisch vollstopfen – in dem Irrglauben, das habe etwas mit gutem Leben zu tun. Und das sind wir.

Also müssen alle, die das System durchschauen und daran etwas ändern wollen, die Landwirte unterstützen, durch Taten und durch Kaufverhalten. Und alle müssen mehr Verzicht üben. Die Bauern auf maximalen Profit und wir auf minderwertiges Massen-essen. Der Markt muss es richten – doch anders, als die Großprofiteure es sich vorstellen.

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