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Die Politik ist gefordert: Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) in einer Schweriner Kita.
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Die Politik ist gefordert: Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) in einer Schweriner Kita.

Gastbeitrag zum Arbeiten von morgen

Nicht nur Breitband und Beton

Wer die Arbeitsgesellschaft zukunftsfähig machen will, darf nicht nur in die industrielle Infrastruktur investieren. Er muss auch einen Dienstleistungssektor fördern, der vor allem Frauen die Balance zwischen Arbeit und Familie erst möglich macht. Ein Beitrag von Uta Meier-Gräwe.

Von Uta Meier-Gräwe

Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik haben sich in den letzten Jahren gern als Vertreter einer Exportnation gefeiert und auf die erfolgreichen Bilanzen Deutschlands in der Automobilindustrie und im Maschinenbau verwiesen. Mit der Initiative Industrie 4.0 wird nun die sogenannte vierte industrielle Revolution eingeleitet, die ein computerintegriertes Produzieren in der „Smart Factory“ ermöglichen soll. So glaubt man(n) für die Zukunft bestens gerüstet zu sein.

Diese Sicht greift meines Erachtens zu kurz. Völlig verkannt bleibt Folgendes: Im globalen Wettbewerb gewinnt eine alltagsunterstützende Dienstleistungsökonomie als zweites Standbein an Relevanz. Sie eröffnet enorme Beschäftigungsmöglichkeiten und generiert damit volkswirtschaftliche Wertschöpfungspotenziale in erheblicher Größenordnung.

Eine Dienstleistungsinfrastruktur dieses Zuschnitts bildet den sozialen, qualifikatorischen und kulturellen Rahmen der materiellen Produktion. Sie greift aber auch als Entlastungsfaktor in die Ökonomie des Alltags, in die Lebensläufe von Menschen ein und entscheidet nicht zuletzt über die Attraktivität von Städten: Kommunen, denen es gelingt, qualifizierte junge Erwachsene durch familien- und alltagsentlastende Angebote vor Ort nicht zu verlieren, sind weltweit die wirtschaftlich erfolgreichsten.

Armutsrisiko für Frauen

Die Zukunft der Arbeitsgesellschaft in den Blick zu nehmen bedeutet also, den Wandel von Wertschöpfungsketten und ihre Quellen ganzheitlich zu analysieren. Stattdessen dominiert in Deutschland nach wie vor ein industriegesellschaftlicher Strukturkonservatismus, der immer noch einseitig auf die Herstellung von materiellen Konsumgütern und ansonsten auf eine Billigdienstleistungs-Ökonomie mit eingebautem Armutsrisiko für diejenigen setzt, die dort arbeiten. Es handelt sich vor allem um verheiratete Hausfrauen, die sich im Minijob etwas dazuverdienen, aber im Scheidungsfall in Armut abrutschen, und um Migrantinnen, die – oft ohne geklärten Aufenthaltsstatus – in deutschen Privathaushalten kochen, putzen, bügeln, Kinder und hilfebedürftige Alte betreuen. Die meisten von ihnen dürften übrigens weit unter dem Mindestlohn von 8,50 Euro bleiben, weil es sich oft um nicht angemeldete Beschäftigung handelt oder bei Vermittlung über eine (z. B. polnische) Agentur) die Frauen oft im 24-Stunden-Einsatz und Dauerbereitschaft sind, ohne dafür angemessen entlohnt zu werden. Das ist der Weg, wie unsere Gesellschaft derzeit ihr eklatantes Versorgungsproblem „löst“.

Das hat viel zu tun mit der über viele Jahrzehnte praktizierten Privatisierung der Kinderfrage und dem Leitbild von der guten, nicht erwerbstätigen Mutter. Das dadurch bedingte Versorgungsdefizit ist immens. Wenngleich mit dem Ausbau der U-3-Kinderbetreuung ein wichtiger Schritt unternommen wurde, um diese Fehlentwicklung zu korrigieren, bleibt unbegriffen, dass darüber hinausgehende alltagsunterstützende Dienste notwendig sind, um die demografischen Herausforderungen der kommenden Jahre zu bewältigen.

So wird das weibliche Qualifikations- und Beschäftigtenpotenzial, das aufgrund des Fachkräftemangels von der Wirtschaft inzwischen entdeckt worden ist, nur dann aktiviert werden können, wenn Frauen in ihrem Alltag zwischen substanzieller Erwerbsarbeit und Familie bezahlbare Entlastungsmöglichkeiten durch personen- und haushaltsnahe Dienste erfahren, wie das in anderen Ländern längst üblich ist. Hinzu kommen die vielfältigen Unterstützungsbedarfe der zahlenmäßig größer werdenden älteren Generation, um möglichst lange ein eigenständiges Leben führen zu können. Folglich brauchen wir dringend innovative Antworten zur Gestaltung des rasch wachsenden Marktes für professionell erbrachte personen- und haushaltsnahe Dienstleistungen.

Nachholbedarf bei Betreuung, Pflege und Haushalt

Es geht darum, den großen Nachholbedarf bei der Schaffung von qualitativ hochwertigen Diensten in den Bereichen Familienservice, Kinderbetreuung, aber auch Altenpflege und Privathaushalt durch die Entwicklung einer gemischten Infrastruktur aus staatlich-kommunalen, privatwirtschaftlichen und freigemeinnützigen Anbietern auf gutem Niveau zu befriedigen. Wenngleich die Bundesrepublik Deutschland auch in Zukunft ein wichtiger Industriestandort bleiben wird, braucht es dringend gezielte Markteinführungshilfen, um die vorhandene Dienstleistungslücke zu befriedigen. Es liegt folglich auch ordnungspolitisch nahe, dafür ein wirksames „Konjunkturförderpaket“ zu schnüren.

Ob der Ausbau des Dienstleistungssektors mit der Entwicklung von guter Dienstleistungsarbeit einhergeht oder ob weiter auf dem Trampelpfad der Billigdienstleistungs-Ökonomie verharrt wird, ist letzten Endes eine politische Grundsatzentscheidung. In jedem Falle erfordert die Gewährleistung von guter Dienstleistungsarbeit, die der klassischen „deutschen“ Facharbeit in nichts nachstehen dürfte, eine gesellschaftliche Rahmung durch verabredete Professionalisierungs- und Qualitätsstandards sowie ihre Überprüfung im beruflichen Alltag der Beschäftigten.

Außerdem bleibt zu hoffen, dass das von Finanzminister Wolfgang Schäuble ab 2016 in Aussicht gestellte Wirtschaftskonjunkturprogramm mit einem Fördervolumen von zehn Milliarden Euro nicht einseitig für Beton und den Breitbandausbau verwendet wird. Es ist geboten, die Hälfte davon in eine zukunftsfähige Dienstleistungs-Infrastruktur personaler Versorgung zu investieren.

Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe ist Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft. Sie leitet seit 2013 das Kompetenzzentrum zur Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

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