Kolumne

Neuprovinzler

  • vonRichard Meng
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Die Corona-Krise engt unseren Bewegungsradius und Horizont ein. Spießig sollten wir aber nicht werden.Die Kolumne.

Es kommt unsichtbar und ist tückisch fast wie Corona: das Gift der Selbstbezogenheit. Jetzt, nachdem so vieles stillstand und neu angeschoben werden muss, haben die Leute mit sich selbst zu tun. Es geht um die praktischen Dinge. Erst mal den eigenen Alltag wieder organisieren. Job, Kinder, vielleicht endlich auch wieder Sportverein. Erst mal die nächsten Wochen überblicken, maximal.

Schon mal gehabt, dieses Gefühl? Schon mal gehört, dieses Argument? Manche reden jetzt so. Größere Debatten, Horizonte, Ziele: danke, erst mal lieber nicht. Es ist, als hätte eine Art Nachkriegszeit begonnen: Wiederaufbau geht vor. Bis hin zu einer großen Gewerkschaft, die zu Wiederaufbauzwecken staatliche Autokaufprämien wollte, egal für welchen Antrieb.

Natürlich ist das nicht die ganze Realität, es gibt auch die andere Sicht. Gerade jetzt Innovation statt Weiter-so, bei der staatlichen Förderung national und in Europa. Gerade jetzt konsequente Klimapolitik, gerade jetzt eine weltweite Bewegung gegen Rassismus. In aller Art Nachkriegszeiten gab es ja Leute, die mit neuen Ideen viel bewegen konnten. Nur: Dann darf es nicht bei der Selbstbespiegelung bleiben. Hinderlich für neuen Aufbruch ist stets der Provinzialismus im trauten Heim.

Es sage niemand, es gäbe keine Erfahrungen mit dem Einigeln zu Hause, von denen einiges hängenbleiben könnte. Weil etwa das Internet es ersparte, mit dem grässlichen Maulkorb (Verzeihung: Mundschutz) in ein Geschäft gehen zu müssen. Ein Geschäft, das es bald nicht mehr gibt, wenn weiter so viel im Netz bestellt wird. Auch so eine Erfahrung, die prägen kann: dass öffentliches Leben in 1,5 Meter Abstand zur Routine wird. Oder – igitt? – dass Grenzkontrollen das Sicherheitsgefühl verbessern. Die eigene Provinz jedenfalls ist uns näher gerückt, der Rest der Welt ferner geworden.

Wenn nicht alles täuscht, wird dieser Sommer mangels Fernreisen für nahe Ausflugsziele gar nicht schlecht laufen. Die persönliche Testphase Nahtourismus läuft gerade. Man steigt wieder mal in einen Regionalzug, im Waggon ist es noch nicht so voll wie früher, geräuschgedämpft dank Masken ohnehin. Und manche Durchsagen – gerade erlebt: „Wegen einer Türstörung verzögert sich die Abfahrt um wenige Minuten“ – klingen da schon wie ein vertrauter Gruß aus der guten alten Zeit.

Andererseits: War es verwerflich, wenn viele sich in Italien oder Frankreich lieber bewegten und besser auskannten als hierzulande? Ist superökologische Nachhaltigkeit durch dauerhaften Mobilitätsverzicht, ist die Mischung aus Videokonferenzjobs und räumlicher Bodenständigkeit wirklich Fortschritt – oder führt es in grüngetünchte Spießigkeit? Wir Neuprovinzler, die wir die nähere Umgebung entdecken, sollten solche Widersprüche nicht verdrängen. Die neue Balance ist noch nicht gefunden.

Es gibt ja die These von den traumatisierten Nach-Corona-Gesellschaften – besser: Mit-Corona-Gesellschaften. Sie mag überzogen sein. Aber auch ohne regelrechtes Trauma gilt: Die Erfahrungen dieses Frühjahrs sitzen tief. Noch ist das Zusammenleben ziemlich kontaktgelähmt, der Gewöhnungseffekt nicht besiegt. Genau deshalb ist es so gründlich falsch, nur an den heutigen Alltag zu denken.

Was gutes Leben in Freiheit bedeutet? Bitte nicht zu klein denken. Richtig spannend wird es erst, wenn nach all der Selbstabkapselung, nach den Internet-Bestellorgien und den vielen distanziert-drögen Schaltkonferenzen wieder direkte Begegnung im Zentrum steht. Mit neuen Menschen und neuen Gedanken. Erinnern hilft: Die wirklich guten Impulse kamen immer noch meistens von außen. Damals.

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