Tempolimit

Es besteht noch Hoffnung, wenn selbst der Dinosaurierclub ADAC sich bewegt

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Beim Tempolimit bewegt sich einiges, seit der ADAC bei dabei nicht mehr mauert. Der Wandel ist erstaunlich. Die Kolumne.

Es gibt Meldungen, die man mehrmals liest, weil man dem Inhalt der Nachricht misstraut. Oder weil man annimmt, man habe im ersten Anlauf ein Adjektiv übersehen. Jedenfalls ging es mir so, als ich in gleich mehreren Zeitungen las, nun setze sich nach jahrzehntelangem Mauern auch der ADAC für Tempo 130 auf deutschen Autobahnen ein.

Schließlich ist meine persönliche Auseinandersetzung mit dem Dinosaurierclub für das Automobilwesen inzwischen 20 Jahre her. Unter dem Motto „ADAC ade“ waren damals Günter Grass, René Böll, ich und eine Handvoll Mitglieder mit einer kleinen Anzeige in der Frankfurter Rundschau öffentlichkeitswirksam aus dem schier allmächtigen Autolobby-Verein ausgetreten.

Hunderte weitere Mobilisten schlossen sich uns an – wir hatten um eine Kopie der Kündigung der Mitgliedschaft gebeten. Drei Mal konnte ich in Fernsehdiskussionen unsere Auffassung vertreten. Einmal sogar im Gespräch mit dem Clubchef Otto Flimm, hauptberuflich Schnapsfabrikant im Rheinland.

Unmittelbarer Anlass für unsere Kampagne war ein Sturm der Entrüstung des ADAC, als Bürgermeister Walter Momper mit dem Berliner Senat für ein Teilstück der innerstädtischen Autobahn Avus eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf Tempo 100 beschloss.

Das heftige Pro und Contra der folgenden Debatte wurde in einem Taschenbuch des Göttinger Steidl Verlages ausführlich dokumentiert. Im Klappentext des Bändchens heißt es: „Seit Jahrzehnten gebärdet sich der ADAC als Lobby der uneingeschränkten Autogesellschaft. Unter dem Motto ‚Freie Fahrt für freie Bürger‘ im Zweifelsfall für immer mehr Straßen, mehr Autos, mehr PS und gegen Tempolimit und alternative Verkehrskonzepte. ADAC ade – das ist zum Abschiedsgruß geworden an einen umweltzerstörenden und überholten Autofetischismus.“

Vor sechs Jahren berichtete die „Süddeutsche Zeitung“, dass der Verein das Steidl-Buch unmittelbar nach Erscheinen vom Markt gekauft habe. In einem Abteil der Tiefgarage des damaligen Münchner ADAC-Hauses habe man einen Container mit Hunderten Exemplaren gefunden.

Der mehr als 100 Jahre alte ADAC ist bis heute nach dem Deutschen Olympischen Sportbund der mitgliederstärkste und damit auch politisch mächtigste Verein der Bundesrepublik. Noch immer glauben zu viele Bundesbürger, sie liefen Gefahr, im Falle einer Panne im weiten Land verhungern und verdursten zu müssen, wären da nicht die „Gelben Engel“ als Helfer in der Not.

Auch deshalb verfolge ich die gegenwärtige Debatte um ein Tempolimit – obwohl inzwischen ohne eigenes Auto – mit besonderer Aufmerksamkeit. Verbunden mit der Freude, dass sich hin und wieder doch etwas bewegt in diesem unserem Lande. Selbst das „Manager Magazin“, linker Tendenzen unverdächtig, widmete sechs Jahre nach dem Erscheinen unserer Schrift dem Club eine Titelgeschichte mit der Überschrift „Moloch ADAC. Die zweifelhaften Geschäfte des Automobilclubs“.

Dabei ist noch gar nichts entschieden. Immerhin besteht laut Umfrage inzwischen auch eine Mehrheit der Bevölkerung auf einem Limit. Aber ausgerechnet Verkehrsminister Andreas Scheuer – ohnehin nicht die hellste Zündkerze im Regierungsmotor – will per Fallrückzieher den Autoclub auf dem neuen Weg ausbremsen.

Es geht wieder einmal um die Freiheit zur Raserei, die er gefährdet sieht. Und seine CSU setzte mit der Internetkampagne im AfD-Design „Tempolimit? NEIN Danke! Mach mit – Gemeinsam gegen Tempolimit“ letzten Sonntag noch einen drauf: Rückwärtsgang im Kreisverkehr. Gute Fahrt, Vati!

Klaus Staeck ist Grafiker

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