Kolumne

Der neue Alltag in Brandenburg: Corona-Krise sorgt auch ohne Virus für Frust 

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Die Corona-Krise verändert auch in Brandenburg den Alltag - nicht nur, weil mancherorts bolivianische Musiker gestrandet sind.

  • Die Corona-Pandemie* hält derzeit die gesamte Welt in ihrem Bann - auch Brandenburg
  • Selbst im idyllischen Rheinsberg sind die Auswirkungen des Coronavirus zu spüren
  • Auch eine Band aus Bolivien ist fernab der Heimat gestrandet

Rheinsberg - Die Luft war kühl, aber die Sonne rief eine Ahnung von Frühling hervor, als wir im brandenburgischen Dorf Zempow für einen kurzen Spaziergang anhielten. Schon beim Öffnen der Fahrzeugtüren beschlich uns das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun.

Keine Menschenseele war um die Mittagszeit unterwegs, und wir kamen uns wie Eindringlinge vor, die womöglich im Verdacht standen, das Virus aus der großen Stadt einzuschleppen. Wir hatten die Schuldfantasie gleich mitgebracht.

Die Corona-Krise betrifft auch Leute, die sich nicht mit dem Virus infiziert haben

Das Hinweisschild eines kleinen Ladens, der Honig und andere regionale Produkte im Angebot führt, verwies auf Sicherheitsvorkehrungen und begrenzte Öffnungszeiten während der Corona-Krise. Man hielt sich auch hier an die Verordnungen der Landesregierung, obwohl von einem Infektionsfall im Dorf bislang nichts bekannt war.

Vor der Kirche bemerkten wir ein Kriegerdenkmal, das an die einheimischen Gefallenen beider Weltkriege erinnerte. Bald befanden wir uns auf einem kleinen, sorgsam gepflegten Friedhof, auf dem sich auch das Grab des 2017 verstorbenen Heinz Mögelin befand.

Rheinsberg in Brandenburg: Auch dort wo das Coronavirus nicht ist, sorgt es für Ärger

Auf einem Schild an der Hauptstraße hatten wir gelesen, dass er in den 70er Jahren einmal eine Berühmtheit war. Seine Idee jedenfalls, im kleinen Zempow ein Autokino zu errichten, hatte über die Umgebung hinaus für Aufsehen gesorgt.

Das Autokino Zempow war das erste seiner Art in der DDR, Wartburg und Trabant fuhren hier über die Wiese, um die populären Filmklassiker der Zeit von der privaten Kabine aus zu sehen. Wir alberten darüber, dass das Autokino nun wohl vor einer Renaissance stehen müsse, tatsächlich aber war das Autokino Zempow vor einigen Jahren geschlossen worden, weil es zu Streitigkeiten zwischen dem Besitzer des Geländes und dessen Pächter gekommen war.

Ein Spaziergang durch Rheinsberg: Die Folgen der Corona-Krise

Wir gingen ein paar Schritte und stießen bald auf das Gelände des ehemaligen Kinos, das später oft auch für einen Trödelmarkt genutzt wurde, direkt gegenüber den Stallungen und Weiden eines Viehzuchtbetriebes. Die Stille und Schönheit des Dorfes jedoch verstörte mehr als dass sie erfreute. Fast schien es, als sei gerade hier die Gegenwart des Virus zum Greifen nah.

Zurück in Rheinsberg, von wo aus wir gestartet waren, erlebten wir die Folgen der Corona-Epidemie ungleich konkreter. Bei einem Abstecher in den Schlosspark trafen wir auf Maria, Anna und Luisa. Sie stammen aus La Paz, Bolivien und gehören zum Orquesta Experimental de Instrumentos Nativos, das ursprünglich beim Berliner Festival „Maerz Musik“ auftreten sollte.

Keine Festivals in Brandenburg: Die Corona-Krise ist überall

Dazu kam es aber nicht, das Festival wurde abgesagt, und die Mitglieder des Orchesters, über 20 Personen, fanden behelfsmäßigen Unterschlupf in der Rheinsberger Musikakademie, wo sie zuvor für ihren Auftritt geprobt hatten.

Maria, Anna, Luisa und Co. sind zum Warten verdammt und halten via Skype Kontakt zu ihren Familien. Niemand sei krank, es gehe ihnen gut, sagten sie in fröhlicher Aufgeschlossenheit. Sie werden unterstützt vom Goethe-Institut, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und der Stadt Rheinsberg. Es mangele ihnen an nichts, sagen sie in gebrochenen Englisch, dass den Unmut über ihren Zustand für einen kurzen Moment nicht zu verbergen vermag. Das Virus erzeugt ein Leiden auch dort, wo es nicht ausgebrochen ist.

Von Harry Nutt 

Alle Informationen zur Corona-Krise in Deutschland im News-Ticker. Bund und Länder haben in Zeiten der Corona-Krise weitere Lockerungen beschlossen. Die Pressekonferenz mit Angela Merkel zum Coronavirus im Live-Ticker.

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Rubriklistenbild: © picture alliance / Maurizio Gamb

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