Jugend

Man nehme sich ein Beispiel

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Die Jugend von früher hatte noch Träume. Der heutigen bleiben nur Alpträume. Die Kolumne. 

Eigentlich war auch das ein Zeugnis der heutigen schnellen und abgeklärten Zeiten. So schlossen sich unlängst Tausende Menschen einer Demonstration durch die Frankfurter Innenstadt an, deren Initiatoren gleich ein ganzes Bündel Gründe für deren Durchführung auf einen Flyer gepackt hatten.

So protestierte man in einem Aufwasch gegen so ziemlich alles, was dem modernen Aufmüpfigen so auf den Keks gehen kann. Man marschierte gegen Nationalismus, Rechts, Homophobie, Wohnungsnot, Ausländerhass, Autoverkehr, Waffenhandel, Globalisierung, Klimawandel, Fluglärm, Uploadfilter, Unterdrückung von Drittweltländern, Deutschtumbheit bei der Polizei und vieles mehr. Das war klug, denn so musste man sich – böse gesagt – nur einmal aufraffen und hatte gleich vieles mit einem Schlag abgedeckt.

Wohlwollend ausgedrückt, war diese Zusammenraffung weise. Denn das Gros der Teilnehmer ist weder dumm noch geistesfaul, sondern gut informiert – und hatte erkannt, dass die meisten Malaisen unserer Gesellschaft tatsächlich irgendwie zusammenhängen und wenigen Grundübeln wie Gewinnsucht, Gier und Neid entspringen.

Früher, sagen wir mal in den Achtzigern, waren das die gleichen Gründe für Unmut beim Volk – die Auswirkungen hingegen überschaubarer. Die Hauptgefahrenquelle lag schlicht in nur einem Punkt, der friedlichen und militärischen Nutzung von Kernkraft. Also die triebgesteuerte Stationierung von Atomwaffen und der wahnhafte Bau von Kraftwerken und die planlose Endlagerung von radioaktivem Material.

Das reichte, um Hunderttausende auf die Straßen zu bringen. Zusätzliches Beiwerk waren Demos gegen Naturzerstörungen wie den Bau der Startbahn West oder Naturwunder wie Franz-Josef Strauß.

Außerdem gab es da natürlich die 1. Mai-Kundgebungen der Gewerkschaften gegen die Auswirkungen des Kapitalismus (die Älteren werden sich erinnern: Gewerkschaften waren mal streitbare Organisationen von Arbeitern).

Heute ist die Situation deutlich verworrener. Das einfache Wissen um die Irrsinnigkeit von Nuklearwaffen und Kernkraftwerken reicht nicht mehr. Die Problematik ist breiter geworden. Man muss sich in viele verschiedene Themen einarbeiten, um sich ein dezidiertes Urteil zu bilden. Viele wollen oder können das nicht und belassen es bei einem diffusen Gefühl der hilflosen Unzufriedenheit, das schließlich bei vielen Menschen in Verdrossenheit und latenter Aggression mündet.

Aber dann sind da noch die ganz Jungen. Jene, die jeden Freitag auf die Straße gehen. Die meisten davon haben sich auch informiert. Sie dreschen keine Phrasen. Sie haben gute Argumente und sich aus dem Wust der Probleme das wichtigste herausgefischt – den Klimawandel.

Dadurch reduzieren sie in einer naiv-vernünftigen Art alles auf das Wesentliche, haben wieder einen Punkt gefunden, um den sich alles dreht. Denn welchen Belang haben angesichts drohender gewaltiger, von Profitsucht verursachter Naturkatastrophen noch die AfD, Genderdiskussionen, Wohnungsnot und Ausländerhass?

Die Jugend von früher hatte noch Träume. Sie sang „We shall overcome“, „Give Peace a Chance“ oder „Imagine“ und glaubte im tiefsten Inneren an das Gute. Der heutigen bleiben derzeit nur Alpträume. Und die drängen sie zum radikalen Realismus. Man nehme sich ein Beispiel.

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